BASTARD   ASS ( I   FROM   HELL
von Florian Schiel              
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B.A.f.H.
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Ich werfe meinen Monitor an und schmeisse gleichzeitig die triefende Jacke in Richtung Regal. Die Jacke verfehlt wie immer den Pfosten und gleitet wie ein nasser Putzlumpen zu Boden, wo sich sofort eine Pfütze bildet. Ich lasse sie dort liegen. Sch...wetter! Weil es so kalt in meinem Büro ist und weil die Uni-Leitung offensichtlich zu geizig ist, mein Büro anständig zu heizen, schalte ich alle elektrischen Geräte an, die ich finden kann - auch die, die nirgends angeschlossen sind, auch die, bei denen nur noch das Netzteil und der Lüfter funktionieren. 
Hauptsache, es kommt warme Luft heraus. Es wird sich hoffentlich auf die Stromrechnung auswirken. Geschieht ihnen recht!

Ich schaue im Kalender nach, was heute ansteht: Zwei Studenten haben sich für die Studienberatung angemeldet. Hm, na gut, was soll's! Es ist Freitag morgen und ich bin gut gelaunt. Ich schicke also ausnahmsweise nur dem am Vormittag per mail eine Absage. Das gibt mir Zeit zum Frühstücken in der Kantine. Der Chef kommt erst in einer Stunde.

Als ich zurückkomme, hängt ein Zettel an meiner verschlossenen Türe. 
Sowas kann ich schon gar nicht ausstehen! Der Handschrift nach ist es der Chef. Jemand anders würde es auch nicht wagen. Ich klebe den Zettel, ohne ihn zu lesen, eine Tür weiter wieder an. Der Chef hat schon öfters bemerkt, daß er unsere gleichförmigen Türen in unserem Betonbunker nicht auseinanderhalten kann. Also bitte!

Dann fahre ich die Schutzschilde aus, mein bewährtes Pappschild mit der Aufschrift 'Versuch läuft - Bitte nicht eintreten', und schließe die Türe hinter mir. Früher war ich noch so naiv, einen Schild rauszuhängen mit 'Bitte nicht stören' drauf. Das Resultat war, daß die Sekretärinnen - wir haben zwei, eine junge Hübsche und ... aber lassen wir das - also die Sekretärinnen konnten dann erst recht nicht die Finger von der Klinke lassen. Wer weiß, was die sich in ihrer überhitzten Phantasie ausgemalt haben. Jetzt bin ich schlauer geworden. JEDER, der hier schon länger als 7 Tage arbeitet, hat schon einmal einen wichtigen Versuch versaut, weil er einfach durch eine geschlossene Türe hereingeplatzt ist - und wurde daraufhin vom aufgebrachten Versuchsleiter fast umgebracht. Ohne Psychologie kann man hier nicht überleben. Zumindest kann man nicht ANGENEHM überleben.

Ich bin gerade in alt.startrek.gossip.sexual.embarrasment, als das Telefon läutet. Meiner Meinung nach gehören Telefone sowieso abgeschafft. Wo bleiben meine Grundrechte? 'BIG BROTHER IS WATCHING YOU', das ist mein Telefon! Nichts anderes! Email kann man wenigstens zurückschicken, mit der Angabe: 'cannot deliver mail - user got killed'.
Ich lasse es viermal läuten, dann hebe ich ab.

    "Vermittlung", sage ich gelangweilt.
Etwas schweigt verblüfft am anderen Ende. Ich lege auf. Zwölfeinhalb Sekunden später versuchen sie's nochmal. Das ist immer so. In ihrer grenzenlosen Dummheit glauben sie, daß sie sich vertippt haben. Um sie in ihrem Glauben zu bestärken, melde ich mich diesmal mit:
    "Fakultät 16, Dekanat."
    "Äh..."
    "Ja?" Ganz zuckersüß.
    "Ich glaube, ich bin falsch verbunden...."
    "Was Sie nicht sagen! So früh am morgen schon? Vielleicht probieren Sie es einfach noch einmal?"schlug ich vor, durch und durch hilfsbereit.
    "Ah, ja", sagt sie erleichtert. Dann besinnt sie sich auf ihre gute Kinderstube."Entschuldigen Sie bitte die Störung."
    "Aber das macht doch nichts..."

Ich überlege, ob die Stimme für eine Einladung auf eine Tasse Kaffee sexy genug klingt. Aber dann lege ich doch auf. Keine Verabredungen mehr ohne vorheriges X-Picture, das habe ich mir geschworen. 
Ich warte. Die Hand am Hörer. Als es läutet, reiße ich den Hörer von der Gabel und brülle, so laut und agressiv ich kann:

    "JA?!!!"
Es klickt fast sofort. Gut, das dürfte eine Weile vorhalten. 

In der group ist gähnende Leere. Also gehe ich ins WWW und lade mir die Bilder von zwei Doktoranden von uns herunter, denen gerüchteweise eine Beziehung nachgesagt wird. Mit Hilfe von Photoshop und den Bildern bringe ich die endlose Zeit bis zum Mittagessen hinter mich. Das Ergebnis, etwas schlüpfrig, aber vom Inhalt gar nicht so unwahrscheinlich, linke ich unter den Key 'Aktuelle Informationen zum Lehrangebot' in unsere Home Page, und schicke eine Mitteilung an alle User, daß es wichtige neue Mitteilungen in der Home Page gibt.
Auf diese Weise wird der langweilige Inhalt etwas aufgepeppt. 

Nach dem Mittagessen checke ich den Zugriffszähler auf unsere Home Page. Gar nicht schlecht. Eine Zunahme um 16000 % in den letzten zwei Stunden. Gut für unsere Netz-Statistik. Der Chef wird sich freuen!

In der Workstation piept es zweimal und ich entferne meinen Schutzschild von der Türe. 14 Uhr, da macht der Chef immer seine Runde. Ich aktiviere das 'Working Window' an meiner Workstation, ein Dummy-Schirm mit mindestens 40 verschiedenen bunten Fenstern, die chaotisch übereinanderliegen. Die einfachste Methode, blutschwitzenden Hyperstress zu demonstrieren.
Pünktlich um 14 Uhr, 7 Minuten und 25 Sekunden reißt der Chef, wie üblich ohne anzuklopfen, die Türe auf. Obwohl ich damit gerechnet hatte, zucke ich zusammen. Das passiert mir jeden Tag und es kotzt mich an!
Gequält lächelnd, die Finger noch auf der Tastatur, drehe ich mich um und wische mir nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn.
Sein Blick irrt unsicher und beeindruckt über die vielen farbigen Windows auf meinem Schirm. Ich seufze ergeben, hole den TOPORDNER hervor, in dem unsere wichtigsten Termine und Aufgaben nach Dringlichkeit geordnet abgeheftet sind, blase die Staubschicht weg und überfliege schnell mit gefurchter Stirne die verblichene Liste. Gott sei Dank! Nichts, was einen ruhigen frühen Freitagnachmittag gefährden könnte. Bis auf den Beschwerdebrief der Univerwaltung vielleicht. Sie schreiben, daß der Bundesrechnungshof meine Gehaltsabrechnungen kritisiert hat. Sie seien zu hoch. Das muß man sich mal vorstellen! Der Brief datiert allerdings vom letten Jahr. 
Ich ordne ihn unauffällig weiter hinten wieder ein. Vielleicht fällt er mal aus Versehen mal in den Reißwolf.
Der Chef schaut mir kurzsichtig über die Schulter und atmet mir in den Nacken. Ich schüttele den Kopf. 

    "Nichts. Absolut nichts,was nicht auch bis Montag warten könnte."
Man beachte das Wörtchen 'könnte'. Ich habe nicht gesagt 'kann'! Daß zwei Projektberichte bereits überfällig sind, drei Briefe eigentlich schon Anfang der Woche hätten rausgehen müssen und daß seine Sekretärin - zum Glück die häßliche - gedroht hat zu kündigen, wenn er ihr nicht endlich eine Gehaltsaufbesserung besorge, würde dem Chef nur das Wochenende verderben.
    "Ah. Das ist aber schön!" freut sich der Chef, und ich freue mich als loyaler Untergebener, daß der Chef sich freut, und fletsche pflichtbewußt die Zähne. "Dann...äh...kann ich ja zuhause noch an dem FGD-Gutachten arbeiten."
    Ich denke, daß er denkt: "Dann kann ich ja heute nachmittag doch zum Tennisspielen gehen."
    Und ich denke für mich ganz alleine: "Sobald du weg bist, bin ich auch weg!"
Schwierig, wenn man in seinem Job für andere mitdenken muß.

Ich will gerade gehen, als es zaghaft klopft. An meiner Türe. Freitag Mittag. 

    Ich rufe ungläubig: "Herein!" und es erscheint ein blasses Jüngelchen mit verpickeltem Gesicht und strähnigem langen Haar in der Türöffnung.
    "Äh", sagte es zögernd, "ich hatte mich angemeldet, zur Studienberatung..."
Natürlich! Die mail, die ich mir aus falschen Großmut heute morgen verkniffen hatte. Jetzt habe ich den Salat!
Ich bitte das Jüngelchen herein und zu platzen. Es setzt sich ganz vorne auf die Kante und blickt beeindruckt auf die vielen Meßgeräte und Rechner. Dann sage ich:
    "Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?"
    "Häh? Umgetan?"
Ich beuge mich vor, fasse sein rechtes Knie und schaue ihm tief in die Augen.
    "Erklärt Euch, eh Ihr weitergeht, was wählt Ihr für eine Fakultät?"
Das Jüngelchen betrachtet mich mißtrauisch. Vielleicht geht ihm gerade auf, daß es doch keine so gute Idee war, am Freitag nachmittag zur Studienberatung zu gehen. Jedenfalls nicht bei mir.
    "Err. Ich dachte ... eigentlich...ich meine..."
    "Da seid ihr auf der rechten Spur", unterbreche ich den Studenten in spe. "Doch müßt Ihr Euch nicht zerstreuen lassen. Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen. Ach!"
Ich schließe die Augen, werfe den Kopf in den Nacken und führe den Handrücken theatralisch an die Stirne. 
Als ich die Augen wieder öffne, hat das Jüngelchen bereits die Hand an der Türklinke.
    "Err. Ich... mir gefällt gerade ein... ich habe noch einen dringenden... 
    Entschuldigen Sie bitte..."
Und draußen ist er. 
Wir wollen doch keine Studentenschwemme auslösen, oder?

 
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