BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

 nächstes
TEIL 10

T e i l       11

 
TEIL 12

 

B.A.f.H.
    11
Ich habe mich kaum in meinem BAFH-Sessel mit integriertem Feuerlöscher (warum ich einen integrierten Feuerlöscher in meinem Sessel brauche, überlasse ich der Fantasie des geschätzten Lesers!
Vorschläge bitte per email an -4-G1WGLMIP15}}:@nohost.no- country schicken!) niedergelassen, als auch schon die BSFH neben mir aus dem Nichts materialisiert. Ihre Brillengläser blitzen angriffslustig.
Im Allgemeinen ist in diesem Falle irgendetwas besonders Gemeines im Gange.

Sie reicht mir die SZ von heute. Aufgeschlagen ist die Seite, wo die übliche Auswahl literarisch unbeholfener Ergüsse überengagierter Leser abgedruckt ist. Frau Bezelmann deutet mit ihrem nadelspitz zugefeilten Zeigefingernagel diskret auf einen der längeren Leserbriefe.
"PARANOIDER ASSISTENT TERRORISIERT STUDENTEN"
lese ich in mittelfetten Buchstaben. Darunter folgt eine wutschäumende, reichlich tendenziöse Schilderung tatsächlicher oder erfundener kürzlicher Begebnisse 'an einem der wissenschaftlichen Institute der Universität'. Wie überaus diskret, denke ich mißmutig und überspringe ein paar Zeilen.
Ah! Weiter unten war der Redakteur nicht so zurückhaltend (oder er hat es übersehen - was wahrscheinlicher ist!): da steht tatsächlich meine Telefonnummer abgedruckt!
Zufrieden lächelnd reiche ich die Zeitung an die BSFH zurück.
"Ausgezeichnet! Gute Arbeit. Sehr lebendig und provozierend geschrieben. Bereiten Sie bitte die üblichen Papiere vor."
Frau Bezelmann zieht geschmeichelt die Mundwinkel nach unten; ihre Brillengläser blitzen womöglich noch 1000 Lux stärker als sonst.
"50 %", sagt sie.
"30", erwidere ich kategorisch, "vergessen Sie nicht: die Idee war von mir!"
Auf ihrer Stirne bildet sich die übliche senkrechte Zornsfalte.
"Aber die ganze Papierarbeit bleibt an mir hängen...", protestiert sie mit eisiger Stimme.
"...die Sie auf einem superteuren Macintosh erledigen, den ich für Sie illegal aus dem SPROUT-Projekt abgezweigt habe", kontere ich.
"35%. Mehr ist nicht drin. Sonst schreibe ich die Artikel in Zukunft selber."
Murrend lenkt die BSFH ein.
"Übrigens", sage ich, als sie schon halb zur Türe hinaus ist, "Sie haben Talent. Warum schreiben Sie nicht öfters?"

Dann warte ich in aller Ruhe. Wie immer dauert es nicht lange. Das Telefon klingelt.
"Hallo?", melde ich mich freundlich.
"SIND SIE DER ASSISTENT?!" kommt es mit 100 dB durch die Leitung.
"Aber sicher doch", sage ich in möglichst arrogantem Tonfall und schalte den Cassettenrekorder ein.
Die folgenden 5 Minuten ergießt sich ein Schwall von Beleidigungen, anatomisch interessanten, aber nicht jugendfreien Bezeichnungen von diversen Körperteilen von mir, zoologische Vergleichsstudien und weitere Formen der verbalen Beschimpfung aus dem Telefonhörer und ins Mikrophon des Rekorders.
Ich notiere inzwischen in aller Ruhe die Telefonnummer des Anrufers von Display meines Komfort-ISDN-Telefons. Hat sich doch gelohnt, den Chef zu überzeugen, daß wir modernste Technik einfach BRAUCHEN. Wofür, ist ein ganz anderes Thema...

Während mein erregter Anrufer nach weiteren Verbalfäkalien ringt, suche ich auf der Telefon-CDROM seinen Namen und Adresse heraus und notiere sie mir. Irgendwann geht ihm dann doch der Stoff (oder die Luft) aus und ich sage freundlich:
"Vielen Dank, Herr... äh... Dr. Kreutelmaier, wohnhaft in Straßlach, Fliederweg 17. Vielen Dank für diese bemerkenswerten Äußerungen."
Er schnappt hörbar nach Luft. Bevor er wieder von vorne beginnen kann, fahre ich rasch fort:
"Wie eingangs bereits erwähnt, war ich so frei, unser kleines anregendes Gespräch auf Band aufzuzeichnen. Mein Rechtsanwalt wird sich freudig des Materials annehmen und entsprechende Schritte unternehmen."
2,3 Sekunden Stille. Ich schalte den Rekorder ab.
"Aber... aber ich... Sie haben doch gar nichts gesagt", stammelt Dr.
Kretelmaier mit deutlich reduzierter Emphase.
"Tja, nun", antworte ich mit sorgenvoller Stimme. "Wer kann das heutzutage noch mit Sicherheit feststellen?" und lege auf.
Ich kopiere rasch die entsprechende Passage vor die Aufnahme, in der ich den Anrufer höflich aber bestimmt darauf hinweise, daß dieses Gespräch aufgezeichnet wird, und lege Cassette und Personalien zur weiteren Bearbeitung durch Frau Bezelmann bereit.
Gewöhnlich zahlen die Leute bereitwillig, noch bevor mein Anwalt überhaupt Klage einreicht. Hunde, die am lautesten bellen, sind oft am leichtesten zu verschrecken.

Die Ausbeute ist heute recht erfreulich: Bis zum Mittagessen habe ich 5 Anrufer im Kasten. Ein sechster hat leider keinen Eintrag im Telefonbuch, aber mit einer gewissen Ausfallrate muß man in jeder Branche rechnen.
"Wissen Sie eigentlich, daß Sie keinen Eintrag im Telefonbuch haben?"
unterbreche ich seine methodisch ausgearbeiteten Schimpftiraden.
Er schweigt verblüfft.
"Äh... ja, aber..."
"Ich schlage vor, daß Sie sich den Rest sparen. Es wiederholt sich sowieso von Anruf zu Anruf und es langweilt mich. Wenn Sie meinen Rat befolgen, gewinnen Sie jetzt 5 Extraminuten, die nicht für Sie eingeplant waren. Die nutzen Sie am besten, indem Sie jetzt sofort bei der Telekom anrufen und veranlassen, daß Ihr Name ordentlich im Telefonbuch erscheint!"
"..."
"Wo kommen wir denn dahin, wenn das alle täten? Wo bleibt der gläserne Bürger, an dem wir alle so angestrengt arbeiten? Früher hätte es sowas nicht gegeben. Hah! Da waren alle ordentlich registriert und im Telefonbuch!"
"..."
"Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir: ich bin schon seit meinem dritten Lebensjahr, als ich mein erstes Modem zu Weihnachten bekommen habe, ordentlich als Telefonteilnehmer registriert! Guten Tag!"

Ich knalle den Telefonhörer auf die Gabel. Keine dreieinhalb Sekunden später läutet es wieder. Ich bin die Sache leid. Außerdem fallen soviele Klagen wegen Beleidigung an einem Tag selbst dem dümmsten bayerischen Amtsrichter auf. Also spule ich das letzte Band zurück und speise mal zur Abwechslung die letzte Aufnahme in den Telefonhörer zurück.
Der Anrufer, genauer gesagt die Anruferin denkt tatsächlich, daß ich da vor mich hin schäume, und wirft sich mit Feuereifer ins Gefecht. Eine Weile höre ich zu, aber als dann der Cassettenrekorder sich durchzusetzen scheint, beginnt mich die Sache zu langweilen. Ich unterbreche das Gespräch und leite meinen Telefonanschluß auf die Beschwerdeannahme der RKfH um.

Endlich ist es still.

Naja, fast still. Im Büro nebenan hört Kollege O. mal wieder diese gräßlichen Goldbergvariationen. Das Geklimper dringt nur leicht gedämpft durch die Pappwände. Wenn er wenigstens Glen Gould hören würde (die späte Fassung natürlich!), aber S. Richter?
Ich gehe nach vorne zum Sicherungskasten und lasse den Automaten von O.s Zimmer 'rausschnappen. Dann schließe ich den Sicherungskasten ab und lege den kleinen Schlüssel oben drauf.
O. ist nur 1,65 hoch; er wird eine Weile brauchen, bis er den Schlüssel oder den Hausmeister findet.

Auf Umwegen gehe ich zurück zu seinem verwaisten Büro und krieche unter den Schreibtisch. Genau wie ich's mir vorgestellt habe: ein wirres Durcheinander von Netzkabeln, Verteilerdosen und Staubmäusen. Ich suche mir die am schlechtesten erreichbare Verteilerdose heraus und stecke einen Kurzschlußbügel aus dem Labor in eine der Schukodosen.
Das wird hoffentlich eine Weile vorhalten.

Um ganz sicher zu gehen, springe ich mit der CD schnell hinüber in die Teeküche und schiebe sie kurz bei voller Power in die Microwelle. Es funkt und britzelt etwas in der Röhre, aber die Microwelle hält das locker aus; weiß ich doch aus Erfahrung.

Zurück im Büro fahre ich die Schutzschilde hoch und entspanne mich in der Hängematte.

Endlich Ruhe.

Der hektische Alltag wird mich noch ins Grab bringen!

 
TEIL 10

 
TEIL 12