BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Ich brüte gerade mal wieder über meinem modifizierten sendmail Programm. Eigentlich soll es eintreffende emails nach bestimmten Schlüsselwörtern scannen, und wenn es welche findet, die mails an zufällig ausgewählte User weiterleiten. Was aber immer noch nicht hinhaut, ist der Zufallsgenerator. Die Liste der Schlüsselwörter ist dagegen schon lange fertig. Unter vielen anderen enthält sie die Wörter 'Liebe', 'Sex' (natürlich!), 'Domina', 'S&M', 'Leder', 'grüne Männchen', 'Kohl' und 'Broccoli'.
Letzteres geht auf die Anregung eines amerikanischen Kollegen zurück:
Er behauptet, daß mails, in denen die Wörter 'Kohl' und 'Broccoli' vorkommen, signifikant dämlicher sind als andere, in denen das Wort nicht vorkommt. Mal sehen...
Nebenbei entfernt mein sendmail Programm auch noch alle Kommata, die vor 'daß' stehen, korrigiert 'nämlich' in 'nähmlich' (früher hatte ich da stehen 'dämlich', aber das war zu direkt!) und vertauscht paarweise die Return-Adressen.

Während ich noch mit dem Compiler ringe, höre ich, wie sich auf dem Gang lautes Keuchen und schleppende Schritte nähern. Bevor ich noch die Schutzschilde hochfahren kann, ist es auch schon zu spät: Kollege Rinzling steht... äh... hängt in meiner Tür. Resigniert starte ich das Aufnahme-Programm in meiner Workstation und drehe mich um.
Manche Gottesprüfungen muß man einfach über sich ergehen lassen; da hilft gar nichts.

Kollege Rinzling bedenkt mich mit einem langen tieftraurigen Blick, der irgendwie gar nicht zu seinem frischen, rosigen Gesicht passen will, und schiebt seinen wohlgenährten untersetzten Corpus vollends in mein Büro. Erschöpft keuchend lehnt er sich an mein IKEA-Regal, das bedrohlich schwankt.
Ich sage nichts, um das Stimmen der Instrumente nicht durcheinanderzubringen. Sonst fängt er am Ende noch mal vorne an.

    "Ach, Leisch... Leisch", eröffnet er mit zitternder Stimme die

    Overture: 'Vanitas vanitatum et omnia vanitas' (moderato ma non piano)

    "Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich letzte Nacht wieder durchgemacht habe. Wirklich, lange kann ich das nicht mehr ertragen, wissen Sie. Es ist einfach zuviel, zuviel für mich. Was für ein Leben ist das, frage ich Sie.

Kollege Rinzling läßt den letzten Ton dramatisch ein paar Takte ausschweben und schaut mich erwartungsvoll an. Wir warten beide ein, zwei Sekunden, bis der freundliche Applaus abschwillt. Dann gebe ich den Einsatz:
    "Was fehlt Ihnen denn heute?" zum

    1. Satz: 'Auf morschen Säulen wankt die Welt!', (adagio non troppo)

    "Ach! Sie können sich das gar nicht vorstellen, Leisch, aber sobald ich mich hinlege, schwellen meine Fußgelenke dermaßen an, daß ich mich vor Schmerzen winden muß. Von dem entzündeten Nagelbett ganz zu schweigen. An Schlaf ist gar nicht mehr zu denken. Und wenn ich die Beine hochlege, wie es mein Hausarzt empfiehlt, werden sie mit der Zeit ganz dunkelblau und eiskalt. Heute morgen konnte ich beinahe nicht mehr aufstehen, so schwach waren meine Füße!"

Wieder geben wir dem ergriffenen Publikum kurz Gelegenheit, seiner Bewunderung Ausdruck zu geben. Dann greift Kollege Rinzling das Thema wieder auf, im

2. Satz: 'Oh Leib, vergehe in Schmerzen!', (largo extremo piano)

    "Das wäre ja noch gar nicht so schlimm, wenn ich nicht gleichzeitig immer noch so Schwierigkeiten mit meinen Nieren hätte."
Kollege Rinzling senkt seine Stimme zu einem fast unhörbarem Flüstern.
    "Wenn ich die Beine hochlege, muß ich aber auf dem Rücken liegen, und dann bekomme ich schon nach ein, zwei Stunden entsetzliche Nierenschmerzen. Es heißt ja immer, wenn man was mit den Nieren hat, solle man viel Tee trinken. Aber können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, dreimal in der Nacht aufgeweckt zu werden und abscheulichen Tee trinken zu müssen, obwohl man gar keinen Durst hat? Entsetzlich, sage ich Ihnen. Ich weiß bald gar nicht mehr... Und dann der dauernde Druck auf der Blase..."
Das Auditorium, obwohl schon etwas mitgenommen, honoriert auch diesen Satz mit verhaltenem Beifall. Allerdings kann man nicht ganz verhehlen, daß Kollege Rinzling diesmal den Einsatz der Blase nicht so ganz gut gebracht hat, wie sonst. Auch der Übergang von Thema der Beine zu den Nieren war nicht einwandfrei.
Kollege Rinzling bemerkt, daß ich die Stirne runzele, und wirft sich mit Impetus in den

3. Satz und Finale: 'Des Odems letzter Hauch' (allegro bombastico, fortissimo et furioso)

    "Das viele Trinken ist natürlich Gift für mein Asthma. Wenn ich dann hilflos auf dem Rücken liege, merke ich richtig, wie sich langsam meine Lungenflügel füllen. Immer mehr Lymphe und immer weniger Raum zum Atmen. Manchmal denke ich, daß mir ein zentnerschweres Gewicht den Brustkorb zerdrückt. Da hilft dann nur noch Euphilin, in hoher Dosierung. Bloß die Nebenwirkungen, ach schrecklich! Immer wenn ich Euphilin schlucke, habe ich genau 13 Minuten später die entsetzlichsten Kopfschmerzen, die Sie sich vorstellen können. Und aus dem Gehörgang des linken Ohres fließt dann immer Eiter ab - meine chronische Entzündung, Sie wissen ja, daß ich schon seit Jahren damit laboriere. Deshalb muß ich immer den Kopf auf die linke Seite legen, damit der Eiter ungehindert abfließen kann. Stellen Sie sich das mal vor! Wenn ich es nicht mache, habe ich am nächsten Morgen die tollste Mittelohrentzündung und muß wieder Penicillin schlucken, wo mein Magen das doch gar nicht mehr verträgt. Aber das Schlimmste ist und bleibt die Migräne. Man hat das Gefühl, die Schädeldecke wird eingedrückt und gleichzeitig bohren sich glühende Stangen durch beide Schläfen!"

Nach diesem letzten Paukenschlag ist es todesstill. Kollege Rinzling hängt nach Atem ringend am Podium, sprich meinem IKEA-Regal.
Einen Moment ist es so ruhig, daß man eine flüchtige Stecknadel hören kann, die es geschafft hat, dem Nadelkissen zu entkommen.

Dann bricht der frenetische Applaus los. Kollege Rinzling hat im letzten Satz alles wieder wettgemacht.

Mit zitternden Fingern führt er seinen Dirigentenstab, sprich Zigarillo zum Mund und inhaliert einen tiefen befreienden Zug. Aus seiner linken Jackentasche fischt er sein Herztonikum - mit 60 % Alkohol - und stärkt sich nach dieser künstlerischen Leistung mit einem Stamperl.

Dann schlurft er weiter durch die Flure - ein Künstler auf der Suche nach neuem Publikum...

Ich stoppe die Aufnahme und schicke das komprimierte Soundfile per FTP hinüber zu den Kollegen von der medizinischen Fakultät, Abteilung für galoppierende Hypochondrie. Die sind immer ganz begeistert von Rinzlings Aufführungen. Was sie sonst mühsam aus den Patienten herausquetschen müssen, liefert Rinzling fast täglich frei Haus.

Im Gegenzug bekomme ich von den Docs Blanko-Krankschreibungen und ab und zu Einsicht in die Personaldateien der Schwesternschülerinnen.

Ohne Vorwarnung stürzt Marianne in mein Zimmer. Ihre Augen funkeln wütend und sie schwingt drohend ihren Posaunenkasten.

    "WIE IST ES MÖGLICH, DASS EINE MAIL VON MIR IN ALLEN MÖGLICHEN ANDEREN MAILBOXEN LANDET?!"
    "Oh, äh... ja richtig: wir hatten heute morgen das komische Problem, daß der Sendmail-Daemon sich geweigert hat, deine mails zu verarbeiten. Ähm, um den Fehler einzukreisen, habe ich ein paar Tests gemacht. Kann sein, daß ich dabei..."
    "ICH GLAUBE DIR KEIN WORT MEHR", kreischt Marianne hysterisch.
Warum müssen sich Frauen immer so leicht erregen?
Obwohl, andererseits...
    "VOR DREI WOCHEN WARS ANGEBLICH EIN VIRUS IM SYSTEM! LETZTE WOCHE DIE KOSMISCHE STRAHLUNG UND VORGESTERN HAST DU BEHAUPTET, MEINE MAILS SEIEN EINFACH ZU LANG ODER ZU EMOTIONAL! DAS WAR EINE VERDAMMT KURZE PERSÖNLICHE MAIL HEUTE! UND ICH HAB WAS DAGEGEN, WENN SIE AN DIE FALSCHEN ADRESSATEN GELANGT!"
Ich weiche in letzter Sekunde dem Posaunenkasten aus und manövriere mich in eine strategisch günstigere Position hinter meinem Schreibtisch.
    "Marianne! Sei vorsichtig mit deinem Kasten. Blechinstrumente sind ziemlich teuer, soweit ich weiß. Äh, in welchen Mailboxen ist die mail denn gelandet?"
    "Woher soll ich das wissen?!" schnauzt sie mich an. "Ich merke es ja erst, wenn die Leute mit dem Finger auf mich zeigen..."
    "Ich meinte ja nur, daß wir die mail vielleicht noch entfernen können, bevor die meisten sie lesen", rufe ich geduckt, in Erwartung des ultimativen Posaunenstoßes.
Nichts passiert. Ich luge vorsichtig um die Ecke des Schreibtischs.
Marianne überdenkt mit zusammengezogenen Augenbrauen den Vorschlag.
    "Also gut", sagt sie und stellt den Posaunenkasten bei Fuß, "aber keine Tricks!"
Erleichtert setze ich mich an meine Workstation. Erstschlag erfolgreich abgewehrt. Die Schirme haben gehalten. Photonentorpedos bereit.
Fertigmachen zum Gegenschlag.
    "Ok", sage ich. "Um deine mail sicher in den Mailboxen zu finden, brauche ich einen eindeutigen Textteil. Was hast du denn geschrieben?"
Marianne schaut mich mißtrauisch an und ihr zorniges Gesicht überzieht sich erneut mit Purpur.
    "Ähm... wie wärs mit 'dich'?"
    "Viel zu häufig", schüttele ich den Kopf.
    "Dann 'Lieber'", schlägt Marianne trotzig vor.
    "Auch zu häufig. Fast alle Mails beginnen mit 'Lieber Herr Soundso'..."
    "Verdammt!" tobt Marianne. "Dann nimm 'liebe'!"
    "Groß oder klein geschrieben?"
    "Klein!" zischt es zwischen Mariannes zusammengebissenen Zähnen.
Ich grepe rasch alle System-Mailboxen nach 'liebe' und der einzeilige und eindeutige Text von Mariannes mail erscheint siebenmal auf dem Display. Ich lösche rasch alle gemeldeten mails und sage:
    "Na also. Erledigt. War doch gar nicht so schlimm, oder?"
Einen Moment lang befürchte ich, daß ich den Bogen überspannt habe.
Aber Marianne wirft mir nur noch einen langen vernichtenden Blick zu, der jeden normalen Sterblichen auf der Stelle in die Psychatrie gebracht hätte, und verläßt ohne ein weiteres Wort mein Büro. Ihre Mordwaffe nimmt sie mit sich.

Später ändere ich vorübergehend das sendmail Programm, damit Marianne in den nächsten paar Wochen nicht mehr allzu häufig drankommt.

 
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