BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Mißmutig stochere ich mit dem Mauszeiger zwischen meinen Windows herum. Frau Bezelmann hat soeben 'Alarm gelb' ausgelöst.

(Das macht sie übrigens folgendermaßen: sie schickt ihren Raben Nero, der nebenbei bemerkt nicht fliegen kann, zu Fuß mit einer entsprechend gefärbten Karte im Schnabel durch alle Gänge.
Als ich zu bemerken wage, daß ein solcher Alarm-Mechanismus - erstens zu langsam (der Rabe braucht fast eine Stunde durch alle Gänge), - zweitens zu unzuverlässig (der Rabe hat keinerlei Orientierungsvermögen und begeht manche Gänge fünfmal, andere gar nicht) - und drittens für einen Alarm zu unauffällig sei (wer achtet schon auf einen alten zerzausten Raben, der eine rote Karte im Schnabel herumschleppt), zieht Frau Bezelmann zur Antwort nur höhnisch die Mundwinkel nach unten.)

Jedenfalls kam vorhin der verd..... Vogel mit einer gelben Karte im Schnabel vorbei. Und das früh am morgen!

Gelber Alarm bedeutet: Der Chef hat wieder mal ein unsinniges Drittmittel-Projekt an Land gezogen und überlegt jetzt, welchem Assistenten er es aufs Auge drücken könnte.

Bald darauf klingelt das Telefon. Auf dem ISDN-Display erkenne ich die Nummer des Sekretariats. Ich hebe ab (sic!).

    "Leisch."
    "Bezelmann hier. Der Chef hat einige Leute von der Firma ****** für heute nachmittag um 14:00 Uhr eingeladen und möchte, daß Sie auch dazustoßen."
Sch....! Das bedeutet, daß der Chef mich bereits in die nähere Auswahl genommen hat. Ich durchforste mein Gehirn nach einer geeigneten Ausrede, aber wie immer, wenn ich mit Frau Bezelmann spreche, fällt mir nichts Gescheites ein.

Kurz vor zwei klopft es energisch an meine Tür. Bevor ich noch rufen kann, daß hier ein wichtiger Versuch läuft, wird die Tür aufgerissen und wieder geschlossen.
Ein, gelinde gesagt, ungewöhnliches Individuum steht mitten in meinem Büro und überschüttet mich mit einem strahlenden Lächeln, das schon fast an delirium dementis denken läßt, während es einen riesigen Koffer auf meinem Labortisch wuchtet.

    "Katzenschwanz mein Name. Schönen guten Tag", sagt, nein, singt er.
Der Mensch ist etwa 1,60 groß, vollkommen kahl mit einer Glatze, in der sich die Neonlampen spiegeln, etwas korpulent. Bekleidet ist er mit einen großkarierten Sherlock-Holmes-Jackett und weißen Hosen, die auf kanariengelben, glänzenden Schuhen mit fünf Zentimeter hohen Plateau-Sohlen aufstehen. Auf die Inhalte und Farben seiner extrem breiten Krawatte möchte ich zum Schutze zartbesaiteter Leser und Leserinnen lieber nicht näher eingehen. Locker um den Hals gelegt trägt der Mensch mindestens 15 Pappnasen in verschiedenen Farben und Formen, während er in der anderen freien Hand eine silberne Spielzeugtrompete schwenkt.

Bevor ich auch nur 'Piep' sagen kann, quäkt er einmal kurz auf der silbernen Trompete, brüllt:

    "HahAAA!", holt eine Faschingspfeife aus der Tasche, die er mir auf den Tisch legt und sagt:
    "Hatte ich zufällig bei mir, hahaha. Können Sie ruhig behalten. War lange nicht mehr hier, wie? Aber dafür habe ich diesmal auch ganz besonders feine Sachen für Sie dabei..."
Flink wie ein Wiesel öffnet er den riesigen Koffer und verteilt ein halbes Dutzend grellbunter Plastikbälle in meinem Büro. Danach setzt er zwei hüpfende Frösche und einen mittelgroßen Panzer aus grauem Kunststoff in Gang, der heulend auf mich zusteuert, während kleine Funken aus der Mündung der sich wild drehenden Kanone sprühen.
Ich fasse instinktiv nach dem Panzer, bevor er mir ans Bein fährt, und der drehende Geschützturm quetscht mir den Daumen ein. Vor Schreck mache ich eine Schritt rückwärts und trete auf einen der Gummibälle, die im ganzen Zimmer herumkugeln. Der Ball quietscht wie ein eingeklemmtes Ferkel und ich stolpere wild mit den Armen rudernd gegen mein IKEA-Regal, das sich ächzend auf meine linke Schulter stützt.

Herr Katzenschwanz eilt mir sofort zu Hilfe, und wir schaffen es, das Regal wieder in eine einigermaßen stabile Position zu biegen. Die ganze Zeit über quasselt der Mann ununterbrochen.
Als er nach zehn Minuten endlich einmal Luft holen muß, frage ich ihn mit beherrschter Stimme, wie in drei Teufels Namen er auf den abstrusen Gedanken verfallen sei, daß ICH, ausgerechnet ICH, ihm eine ganze Wagenladung Spielzeug abnehmen würde.
Es stellt sich heraus, daß Herr Katzenschwanz die Tour von einem Kollegen geerbt hat, der sich letztes Jahr wegen akuter Pädiatechnophobie in den Ruhestand verabschiedet hat. Wahrscheinlich hat der gute Mann wahllos Namen aus dem Telefonbuch gepickt, um eine möglichst umfangreiche Kundenliste zu hinterlassen. Sehr geschickt!

Herr Katzenschwanz ist untröstlich und beteuert ein ums andere Mal , wie peinlich ihm das Ganze doch sei, usw. usw.

    "Tja, Sie sind zwar bei mir völlig an der falschen Adresse", sage ich bedauernd, "aber andererseits haben Sie auch wieder Glück.
    Ausgerechnet heute haben wir Besuch von mehreren Managern, die an einem Seminar teilnehmen wollen. Und wissen Sie, was das Thema des Seminars ist?"
Herr Katzenschwanz weiß es nicht und ist ganz Ohr, während er gleichzeitig versucht, die Frösche einzufangen.
    "Das Thema ist 'Neue Methoden der Kunden-Aquisition'.
    Kinderspielzeug als Werbegeschenke, das wäre doch was für Sie. Da können Sie auf einen Schlag über 10.000 Panzer abschließen."
Katzenschwanz bekommt etwas glasige Augen und stimmt mir eifrig zu.
    "Passen Sie auf", sage ich, "ich werde Sie mit den Leuten in Kontakt bringen, wenn Sie mir versprechen, niemanden ein Sterbenswort über mich zu sagen, ok?"
Katzenschwanz ist mit allen Bedingungen einverstanden. Ein dünner Speichelfaden zieht sich aus seinem linken Mundwinkel nach unten.

Ich führe ihn mitsamt seinem Koffer über den Gang bis zum Konferenzraum. Kurzes Lauschen an der Türfüllung.Ja, der Chef monologisiert gerade salbungsvoll zu den potentiellen Drittmittelgeldgebern.

    "Jetzt", zische ich und schiebe den fiebernden Katzenschwanz durch den Türspalt.
Dann schließe ich die Türe mit meinen nachgemachten Generalsschlüssel ab, eile zur anderen Türe und mache dort das Gleiche.

Später am nachmittag kommt Frau Bezelmann in mein Büro. Ihre Mundwinkel zucken hämisch, als sie mir wortlos einen Akt auf den Tisch legt. ERLEDIGT steht in großen roten Buchstaben quer über die erste Seite geschrieben.
Frau Bezelmann und ich, wir wechseln einen Blick und beinahe, beinahe hätten wir beide ganz kurz gelächelt.
Aber nur beinahe.

 
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