BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Ich steige in meinen Wagen und drehe den Zündschlüssel. Die Karre springt zwar sofort an, aber nach wenigen Sekunden beginnt die Öldrucklampe zu blinken und ein penetrantes Warnsignal gellt mir in die Ohren. Ich weiß genau, daß genügend Öl drin ist, aber trotzdem leuchtet das rote Lämpchen. Man könnte also sagen, daß mein Auto mir falsche Tatsachen vorspiegelt, mich in gewisser Weise anlügt.
Vielleicht will es heute nicht ausgefahren werden; vielleicht ist es der Meinung, ich solle lieber die U-Bahn nehmen und es in Ruh' lassen; vielleicht habe ich auch gerade eben einen schnuckeligen Flirt mit den schicken kleinen Z3 auf dem Nachbarparkplatz gewaltsam unterbrochen.
Interessanterweise macht das mein Auto nicht täglich; dann würde man behaupten, es sei kaputt. Nein, nur so etwa alle zwei Monate meldet es sich. Auch nicht immer beim Starten. Besonders gern erschreckt es mich mitten auf der Autobahn mit hundertfünfzig Ka-em-ha. Ab und zu leuchtet auch die Bremskontrolleuchte für den Anhänger auf - obwohl gar keinen Anhänger angekoppelt ist.
Aber am liebsten macht es Geräusche: Gelegentlich fängt irgendein Teil hinter dem Armaturenbrett an zu schwingen. Irgendeine blöde Resonanz, die gerade bei den gängigen Geschwindigkeiten ihr Maximum hat. Mir bleibt dann nur die Wahl entweder die Geschwindigkeit zu erhöhen oder solange mit der Faust auf die Konsole zu donnern, bis die Resonanz aufhört. Letzteres funktioniert praktisch nie. Das kann mich zur Weißglut bringen, und mein Auto weiß das.

Ich liebe dieses Auto. Es hat Charakter.

Heute lasse ich mich nicht provozieren. Ich drehe das Radio auf volle Lautstärke und ignoriere einfach das sirenenartige Geheul der Öldruckwarnlampe. Mitten auf der Leopoldstrasse beginnen plötzlich alle vier Lautsprecher zu knattern wie ein Maschinengewehr, dann rülpst es noch einmal kräftig in den Subwoofern und es wird still. Alle Anzeigen am Radio sind erloschen. Ungläubig fummele ich an den Kontrollen, achte nicht auf den Verkehr und hätte beinahe eine Politesse auf die Haube genommen. Nichts. Das Radio bleibt tot. Nur noch das Gewinsel der Öldrucklampe quietscht irgendwo hinter dem Armaturenbrett.

Täusche ich mich oder klingt das Gequiecke jetzt irgendwie anders als vorher? Triumphierend?

Kaum bin ich in meinem Büro - ich habe noch nicht mal das erste Soundfile auf meine Workstation geladen - da wird auch schon die Tür aufgerissen.
Der Chef. Vor 10 Uhr morgens. Das bedeutet etwas.

    "Ah, äh... Leisch. Gut, daß Sie schon äh... ja, äh... sozusagen...
    hrm... "
Der Chef starrt konzentriert auf die Decke und überhört meinen Morgengruß.
    "Es geht, äh... nur ein paar Worte... um den CIP-Pool-Antrag, ja...
    hrm... und natürlich auch um den... den... äh... den..."
    "Dings?" schlage ich vor.
    "... um den Dings-Antrag. Äh... ich meine... hrm... den... den WAP- Antrag."
Nachdem das Wort endlich gefunden ist, holt der Chef tief Luft, streckt den Bauch raus und fährt fort:
    "Äh... dazu muß ich etwas ausholen, äh... damit Sie... hm... die Hintergründe... äh... auch verstehen, Leisch. Ja. Als ich 1972 an diesen Lehrstuhl berufen wurde, ..."
Ich schalte die Ohren auf Durchzug und schiele unauffällig auf mein Computerdisplay. Ich schalte auf den alten DEC Trackball um, den ich unter meinem Schreibtisch installiert habe, so daß ich mit dem großen Zeh den Cursor bewegen kann, ohne daß der Chef es mitbekommt.
    "... als erstes... ähm... Institut der Universität eine... äh... hrm...
    PDP-11 angeschafft hatten... hrchhrm... und schon damals habe ich immer - auch gegenüber... ähm... dem Ministerium.... äh... betont..."
Während der Chef in Erinnerungen schwelgt, checke ich meine Mailbox, lese drei Artikel in der USENET Gruppe 'de.alt.sexual.harassment', überprüfe die Backup-Protokolle von heute Nacht und greppe die Usermail der Studenten nach den Begriffen 'Sex', 'Liebe' und 'Schwanger'. Leider ist heute mal wieder überhaupt nichts Interessantes dabei.
An der Intonation erkenne ich, daß der Chef langsam wieder aufs Thema zurücksteuert.
    "... hat dadurch... so gesehen... hrm... eine Tradition, die in unseren... äh... zukünftigen Bemühungen... Anstrengungen in der...
    ähm... Rechnertechnik gerecht... und deshalb müssen wir sowohl im... ähm... CIP- als auch im... äh... na... äh... WAP-Pool-Antrag darauf achten, daß...
    Auf jeden Fall sollten wir Herrn... äh.... Herrn... err... Herrn..."
    "Dings?" schlage ich vor.
    "... den Herrn Dings... Quatsch... den Herrn MAIER im... im REFERAT 8 oder 9 anrufen. Ja. Können Sie das alles in die... äh...
    Hand... hrm... Hand nehmen, Leisch?"
    "Selbstverständlich", sage ich und schließe per Zehklick den News Reader.
Nachdem der Chef gegangen ist, rufe ich vorne bei Frau Bezelmann an und lasse mir alle Informationen durchgeben, um die es wirklich geht.
Dann rufe ich im REFERAT 5 an und lasse mir FRAU MÜLLER geben.
    "Ja, also", sage ich mit unsicherer Stimme, "Sie müssen schon entschuldigen, aber ich bin in diesen bürokratischen Dingen schrecklich ungeschickt. Aber Sie können mir ja sicher helfen..."
Frau Müller muß ein absoluter Frischling im Referat 5 sein, denn sie versichert glaubhaft, daß sie MICH, den BAFH, in allen Dingen tatkräftig unterstützen werde. Ich solle sie nur FRAGEN.
AUSGEZEICHNET!
    "Gut", sage ich, "also, es geht um diesen Computerantrag..."
    "CIP oder WAP?" fragte die Frau Müller geschäftstüchtig.
    "Ja, CIP, glaube ich...", ich raschele heftig mit der Pornogeschichte, die ich mir gerade aus dem USENET geholt und ausgedruckt habe, "... ah, ja, da ist es ja. Genau, CIP heißt das Ding. Also wir hatten 13 Rechner beantragt, aber hier auf dem Bestätigungsschreiben ist immer nur von 3 Rechnern die Rede..."
Frau Müller seufzt unterdrückt und beginnt mir ausführlich zu erklären, daß die Anzahl der zu beantragenden Rechnerplätze von der Zahl der Hauptfachstudenten abhänge. Und da in unserem Fach im Schnitt nur vier Hauptfachstudenten pro Semester gemeldet seien, blabla usf.
    "Soso, aha. Ja, ich glaube, ich verstehe", sage ich mit erstauntem Tonfall. "Aber wir haben doch nicht vier sondern etwa dreissig Hauptfachstudenten...."
(Klickerdiklackerdiklick + zuupf) Verblüfftes Schweigen an anderen Ende. Aber Frau Müller faßt sich rasch wieder. Wozu hat man einen Computerkurs gemacht? Wozu hat man das neue Studenten-Verwaltungssystem, SVS genannt?
    "Augenblick", sagt sie souverän, "ich schaue schnell mal im SVS nach; dann haben wir sofort die aktuellen Zahlen."
Klickerdiklackerdiklick + zuupf höre ich sie durchs Telefon.
    "Aber... aber... das verstehe ich nicht", stammelt Frau Müller.
    "Äh, wie meinen Sie?" frage ich scheinheilig.
    "Da sind tatsächlich dreissig Hauptfachstudenten im SVS eingetragen.
    Aber ich bin ganz sicher, daß letzte Woche..."
    "Nun ja, das kann ja so leicht passieren", sage ich und logge mich aus dem Superuser-Mode des SVS wieder aus. "Sie haben ja sicher soviele... äh... CIP-Anträge auf dem Schreibtisch. Da kann man sich schon mal um eine Stelle irren, nicht wahr..."
    "Ich versteh' das nicht", mümmelt Frau Müller ins Telefon.
    "Nun grübeln Sie mal nicht zuviel darüber nach", sage ich im kollegialen Tonfall. "Es ist ja noch nicht zu spät, nicht wahr? Ich schicke ganz einfach die Unterlagen an Sie zurück, und Sie korrigieren einfach die Anzahl der Rechner..."
Frau Müller ist mit allem einverstanden.

So, bevor ich mir WAP vornehme, muß ich noch meine Hausaufgaben erledigen. Ich hänge eine Ankündigung an die Tür des Hörsaals, daß meine Vorlesung heute wegen akuter Mauspad-Allergie ausfallen wird, und setze mich an den Mac. Photoshop, eine alte Kopie unseres Raumplans, Scanner, eine Büchse Cola.
Zwei Stunden später lasse ich mich von Frau Bezelmann mit Herrn Fauldobler im Referat 5 verbinden. Der Herr Fauldobler ist zuständig für WAP und kennt mich schon von früher. Daher muß auch Frau Bezelmann die Verbindung herstellen; wenn ich selber nach ihm frage, ist er garantiert 'gerade eben nicht im Büro'.

    "Ja, hallo?" meldet sich der ahnungslose WAP-Bürokrat.
    "Ja, grüß Gott, Herr Faultier. Ich rufe an wegen dem WAP-Antrag, den wir gerade für unser Institut laufen haben..."
    "Fauldobler", unterbricht mich der Selbnamige.
    "Mein ich ja, Herr Fauldobler. Ja, also es geht um unseren WAP- Antrag."
    "Haben Sie..."
    "Ja, ich habe Ihren Brief erhalten. Aber ich verstehe nicht ganz, was Sie mit 'raum-kausaler Insuffizienz' meinen?"
Herr Fauldobler erklärt mir schadenfroh, daß der Antrag von dreizehn Indigo Workstations auf zwei gekürzt wurde, weil unser Institut keine 13 Arbeitsplätze nachweisen könne.
    "Sie haben zwar im Moment genügend Mitarbeiter für den Antrag", erklärt Herr Fauldobler, "aber wenn Sie nicht nachweisen können, wo die Maschinen aufgestellt werden sollen, geht der Antrag leider nicht durch."
Die Häme trieft ihm aus allen Wörtern. Fauldobler hat früher in der RKFH gearbeitet, bis er wegen Nervenzusammenbruchs ins Referat 5 versetzt wurde. Ungefähr zur gleichen Zeit gab es einige äußerst komplizierte Reisekostenabrechnungen von mir, die angeblich in irgendeinem kausalem Zusammenhang mit Fauldoblers Schwierigkeiten standen. Offensichtlich hat er dies immer noch nicht ganz verwunden.
    "Aha, ja. Jetzt verstehe ich, Herr Faultier..."
    "Fauldobler!"
    "... Herr Fauldobler, nein wie dumm von mir. Ich sehe gerade, daß ich ja ganz vergessen habe, die neuen Projekträume für das ASPARAGUS-Projekt mit anzugeben."
    "ASPARAGUS?!"
    "Ja, der neue SFB der DFG, gerade erst genehmigt. Dafür haben wir die bisher nicht genutzten Räume 277, 278, 291 und 293 vorgesehen.
    Die könnten wir doch dann für den WAP-Antrag nutzen, nicht wahr?
    Die meisten Mitarbeiter werden sowieso in ASPARAGUS arbeiten..."
    Ich höre, wie Fauldobler in seinen Raumplänen wühlt. Er hat sich also schon Kopien gemacht, der Schlawiner, um auf meine Einwände vorbereitet zu sein. Na, warte! 10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3 ,2 ,1...
    "Aber... aber ich finde gar keine Räume mit diesen Nummern auf meinem Plan....", sagt er.
BINGO!
    "Nicht?! Ja, dann haben Sie vielleicht noch die Pläne von VOR dem Krieg. Warten Sie, ich faxe Ihnen die aktuellen Pläne mal gerade hinüber...."
Fünf Minuten später läutet wieder das Telefon. Fauldobler ist geradezu zerknirscht.
    "Also, ich weiß nicht was ich sagen soll. Sie haben natürlich recht gehabt. Wenn Sie diese Räume für den WAP nutzen wollen, können wir den Antrag so weiterreichen....
Seine Stimme klingt enttäuscht. Fast tut er mir leid. Bürokraten zu vera...... ist leichter, als der doofen Dogge vom Hausmeister einen Knochen zu klauen.
    "Ausgezeichnet", sage ich, "ich bin froh, daß wir alles so schnell klären konnten, Herr Faultier. Auf Wiederhören."
    "Fauldobler", murmelt er noch, bevor ich auflege.
Ich bin gespannt, ob Fauldobler jemals auffallen wird, daß die Räume 277, 278, 291 und 293, so wie ich sie in den Plan retuschiert habe, im zweiten Stock frei über der Schellingstrasse schweben, über die er jeden Morgen zur U-Bahn geht.

Wahrscheinlich nicht.

Ebensowenig wie er merken wird, daß es natürlich auch keinen SPARGEL-Sonderforschungsbereich der DFG gibt.

Aber Bürokraten können eben nicht alles wissen...

 
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