BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Ich sitze in meinem Büro und grüble über dem Sinn meines Daseins als B.A.f.H. nach.

Nicht daß das ein ungelöstes Problem darstellen würde. Oh, nein! Hier steht es schwarz auf weiß im 'Kompendium für den Feldeinsatz als Bastard X', Kapitel I 'Allgemeines', Unterpunkt 3 'Sinn des Daseins als Bastard X from Hell', Absatz 2:
'Der hauptsächliche Daseinszweck des Bastards X ist es, den in der Schöpfung bedauerlicherweise allenthalben vorhandenen Asymmetrien von Gut und Böse geeignet entgegenzuwirken.'

So steht es hier, und ich sitze und grüble darüber. Weiter hinten in Kompendium wird das mit den Asymmetrien anhand von Beispielen noch etwas erläutert:
das Verhältnis von Sonnen- zu Regentagen; Materie, aber praktisch keine Antimaterie; die Form Afrikas; das Verhältnis von leuchtender Masse zu dunkler Masse in Universum; Rechts- und Linksverkehr; die Bewegung der Planeten um die Sonne; der Blinddarm und die Milz; Gehälter von Professoren und von Assistenten - alles Pfuschereien in der Schöpfung.

Wenn man auf unsereins gehört hätte - aber das war damals auch schon nicht anders als heute: wer hört schon auf die Vernünftigen, frage ich Sie - wenn man also damals auf unsereins gehört hätte, dann wäre jetzt die Schöpfung um einiges symmetrischer angelegt.

Weg mit der schwachen und starken Kernkraft, die nur die ganze Physik versauen. Gravitationswellen, Quantenmechanik, du lieber Himmel! Alles völlig überflüssig, wenn man sich anfangs nur mehr Gedanken gemacht hätte. Dann gebe es jetzt auch ein vernünftiges Verhältnis von Guten und Bösen. Schön symmetrisch, verstehen Sie?
Aber nein! Es muß ja alles huschhusch in sieben Tagen erledigt sein, nicht wahr? Damit es später dann im Buch der Bücher wie eine besonders titanische Leistung dargestellt werden kann. Pfusch!
Unsereins hat das schon damals gewußt, aber was hilfts? Jetzt müssen wir schauen, wie wir damit fertig werden. In der Physik, da kann man nicht mehr viel machen. Ist gelaufen! Hoffnungslos! Oder können Sie uns einen Tip geben, wo wir die ganze überflüssigen Neutrinos hinpacken sollen? Na bitte!

Bleibt also noch die Moral, der Charakter. Das war auch so ein gefühlsduseliger Unsinn. Lauter nette Leute sollten es werden, und was dann? Wie soll das enden! Haben Sie schon mal einen Verein zufriedener Kleingärtnerverbandsmitglieder gesehen, die was voran gebracht haben? Die Unzufriedenen sinds, die was bewegen! Oder glauben Sie vielleicht, die Spülmaschine wurde von einem erfunden, der voll und ganz mit seinem Weltbild zufrieden war?

Aber gemerkt haben die sauberen Herrschaften aus den oberen Etagen das erst, nachdem die Neanderthaler einige zehntausend Jahre zufrieden in ihren kalten Höhlen gesessen und an ungekochten Jamwurzeln genagt hatten - und immer noch keinerlei Anstalten gemacht hatten, auch nur ansatzweise etwas so Fortschrittliches wie eine Spülmaschine anzugehen.

Also wurde unsereins zähneknirschend beauftragt, ein wenig Schwung in die Sache zu bringen. Stellen Sie sich das bloß nicht so leicht vor!
Denn jetzt kommt wieder die Asymmetrie ins Spiel: das Verhältnis von guten zu bösen Menschen ist selbst nach Jahrtausenden immer noch katastrophal. Folglich müssen ich und alle meine Kollegen, die Bastard Secretaries, die Bastard Bürohengsts, die Bastard Operators, und wie sie alle heißen, wir alle müssen für zwölf schuften, um das Ungleichgewicht auch nur einigermaßen in den Griff zu bekommen.

Wie gesagt: Glauben Sie ja nicht, daß das eine leichte Aufgabe ist! Gut zu sein ist einfach. Das Prinzip Neanderthaler funktioniert auch heute noch prima: Laßt uns einfach die Hände in den Schoß legen und vergeßt bloß die Spülmaschine, dann wird schon alles gut!
Schlecht zu sein dagegen erfordert Phantasie, ständige Wachsamkeit, Flexibilität, ...

Das Telefon klingelt.

Das bedeutet, daß der bescheuerte Techniker schon wieder die Orginal- Software in unsere ISDN-Anlage eingespielt hat. Meine Version der Software leitete nämlich zur Zeit alle Anrufe, die an meine Nebenstellennummer gerichtet sind, an eine einschlägig bekannte Nummer auf den Philippinen weiter.

Ich hebe ab.

    "Ja?"
    "Hallo, spreche ich mit Herrn Leisch?" sagt sie an anderen Ende.
    "Ja", sage ich.
    "Mein Name ist Hinterhuber von der Agentur Weissois in München.
    Wir machen eine repräsentative Telefonumfrage zur Ermittlung von Einschaltquoten. Wären Sie bereit, mir einige Fragen zu beantworten?"
    "Ja", sage ich, genau mit den drei Sekunden Verzögerung, die Frauen wahnsinnig machen kann.
    "Äh, gut. Zunächst..."
    "Wie halten Sie das eigentlich mit dem Datenschutz?" unterbreche ich sie.
    "Datenschutz?"
    "Ja. Ich möchte wissen, wie Sie dafür sorgen, daß mein Name nicht nach Ihrer Befragung in allen möglichen Adreßdateien landet."
    "Nun, äh... unsere Befragungen sind natürlich immer anonym", sagt sie.
    "Dann möchte ich mal wissen, woher Sie meinen Namen kennen", sage ich.
Das bringt sie etwas aus der Fassung.
    "Natürlich kenne ich Ihren Namen. Ich hab Sie ja gerade angerufen."
    "Eben", sage ich, "folglich bin ich für Sie bereits nicht mehr anonym."
    "Aber... aber ich vergesse das doch gleich wieder... ich wollte sagen, Ihr Name wird doch nirgends festgehalten..."
    "Sie wollen also damit sagen, Sie haben mich einfach blind aus dem Telefonbuch herausgepickt, ohne daß mein Name und meine Telefonnummer irgendwo notiert worden wären?"
    "N...nein. Ich habe schon eine Liste", gibt sie zögernd zu. "Schließlich sollen die Befragten ja repräsentativ sein..."
    "Na, bitte!"
    "Aber mit der Telefonnummer kann man doch noch nicht viel anfangen", versucht sie sich bei mir wieder einzuschmeicheln.
    "Dann geben Sie mir mal Ihre", antworte ich unbeeindruckt und schiebe die D1 ins CDROM-Laufwerk.
    "Wie bitte?"
    "Geben Sie mir Ihre Telefonnummer. Wenn man damit nichts anfangen kann, können Sie mir doch bedenkenlos Ihre Privatnummer geben, oder?"
Jetzt ist sie in der Zwickmühle. Einerseits würde sie jetzt lieber abbrechen, andererseits...
    "Na gut", sagt sie. "6745987."

    "Hm. Aha, Roswita, kein schlechter Name. Auch keine schlechte Wohngegend. Grünwald, Ludwig-Thoma-Straße 45. Tststst. Können Sie sich das vom Gehalt einer Telefoniererin leisten? Ah, wahrscheinlich wohnen Sie noch bei den Eltern. Hier ist ja noch ein Hermann Hinterhuber eingetragen, soso, Industrieller. Das die Leute sich das heute noch trauen..."
Sie schnappt hörbar nach Luft, aber sie fängt sich auch schnell wieder:
    "Also gut! Es gibt keinen absoluten Datenschutz. Wollen Sie das hören? Sie müssen uns halt vertrauen, daß wir Ihre Daten nur anonym weitergeben, oder Sie machen die Befragung halt nicht mit; das ist ja ihr gutes Recht."
    "Hm. Ok, ich mach' trotzdem mit", sage ich.
Sie atmet auf.
    "Also, zunächst ein paar allgemeine Fragen: wie oft sehen Sie eine Nachrichtensendung, eine Sportsendung oder eine Talkshow. Es gibt dazu vier Kategorien: täglich, mehrmals im Monat, einmal im Monat, weniger als einmal im Monat ."
    "Hm... also lassen Sie mich mal nachdenken. Nachrichtensendung, tja... ich würde sagen... wie waren nochmal die Kategorien?"
Sie betet sie mir noch einmal vor. Die Geduld mancher Leute ist wirklich erstaunlich.
    "Aha. Ja, also Krimis sehe ich eigentlich..."
    "Krimis waren gar nicht gefragt."
    "Oh... äh, was war nochmal gefragt?"
    "Nachrichtensendungen..."
    "Richtig. Die beiden verwechsele ich immer. Also Nachrichtensendungen... Nachrichtensendungen... also ehrlich gesagt, ich kann mich an keine erinnern. Sagen wir also mal: weniger als eine im Monat."
    "Sind Sie sicher?" kommt es durch die Leitung.
    "Absolut", antworte ich, "und Sport und Talkshows habe ich noch nie gesehen."
Frau Hinterhuber muß das erstmal verdauen. Dann sagt sie:
    "Na schön. Dann können wir einige Fragen gleich überspringen. Jetzt müßte ich wissen, wieviele Personen in Ihrem Haushalt leben und wieviele Fernseher in Ihrem Haushalt leben... Sie in Ihrem Haushalt haben, meine ich natürlich."
    "1 und 0", sage ich.
    "Wie bitte?"
    "1 Person und 0 Fernseher", erläutere ich genüßlich.
Das ist wie ein weißer australischer Burgunder bei 12 Grad auf der Zunge.
Frau Roswita Hinterhuber keucht hörbar ins Telefon.
    "Sie haben überhaupt keinen Fernseher?!"
    "Nein."
    "Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?!!"
    "Sie haben mich ja nicht gefragt. Äh... gehört das jetzt immer noch zu Ihrer Umfrage?"
Als Antwort bekomme ich nur noch ein hartes Klicken.

Gut. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, also unsere Tätigkeit erfordert Phantasie, ständige Wachsamkeit, Flexibilität, ...

 
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