BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Mit geschlossenen Augen taste ich nach dem heulenden Wecker, der sich irgendwie unter dem Lacken versteckt hat, und würge ihn ab.

Noch fünf Minuten, nur noch fünf Minuten...

Ok, noch bis halb, dann stehe ich wirklich auf...

Naja, jetzt hab ich die Nachrichten eh schon verpasst, also bleibe ich noch bis viertel vor liegen.

Schließlich raffe ich mit unmenschlicher Willensanstrengung auf und taste mich blind ins Badezimmer. Vor dem Spiegel zwänge ich das erste Mal die verklebten Augenlider auseinander. Als ich das vom Schlaf verquollene Gesicht mit den dunklen Ringen unter den Augen, die schlaff herunterhängenden zerdetschten schwarzen Haare und die bleiche ungesunde Haut erblicke, kommt mir das erste Mal das unangenehme Gefühl, daß hier irgendetwas nicht stimmt.

Ich überlege angestrengt. Habe ich gestern wieder etwas angestellt, was ich wissen sollte, bevor ich im Büro auftauche? Ich kann mich nicht erinnern.
Das unangenehme Gefühl bleibt, während ich kritisch die Fältchen um die Augen herum inspiziere und einen Mitesser von meinem Kinn entferne. Komisch. Naja, erstmal eine Dusche, dann sieht die Welt schon ganz anders aus.

Gerade als ich die Proteinspülung im Haar habe, bleibt das warme Wasser plötzlich weg. Auf der Packung steht extra, daß man das Zeug nicht zu lange einwirken lassen soll, wenn man keinen Kahlkopf riskieren will, also spüle ich mir sinnlos vor mich hin fluchend mit eiskaltem Wasser die Haare aus. In Gedanken lasse ich den Hausmeister in der tiefsten Ebene auf kleiner Flamme schmoren.

Beim Abtrocknen betrachte ich kritisch die ersten Stellen von Orangenhaut hinten an den Oberschenkeln. Die Oberarme haben auch keine rechte Form mehr und außerdem bin ich zu fett. Ich stelle mich seitwärts vor den Spiegel und ziehe den Bauch ein. Entsetzlich. Diesen Sommer werde ich mich auf Badeanzüge beschränken müssen.
Der Busen und die Beine gehen ja noch. Haarentferner muß ich auch mal wieder besorgen.

Wieder beschleicht mich das seltsame Gefühl, daß irgendetwas anders ist als sonst. So wie... wenn etwas fehlen würde.

So, jetzt aber hopp; ich habe schon viel zu viel Zeit wieder vor dem Spiegel verbracht. Haare föhnen, Gesicht reinigen, Zähne putzen, Tagescreme...
Sch....! Die Tagescreme ist alle und der Nachschub ist im Keller verstaut. Ich kann unmöglich in dem Aufzug in den Keller gehen. Also kratze ich die letzten Moleküle aus dem Töpfchen.

Dann stehe ich vor dem offenen Schrank und es kommt die tägliche Verzweiflung: Einfach nichts zum Anziehen da. Das lila Kostüm habe ich vorgestern erst angehabt, das graue gestern, zur weißen Hose habe ich keine passenden Schuhe. Unmöglich. Die braune bestickte Weste mit der weißen Bluse darunter? Und dann? Der weiße Rock ist in der Wäsche. Die mexikanische Jacke? Irgendwie zu kakelig... Vielleicht ein Sommerkleid? Aber dazu ist es noch zu kalt. Ich wühle in meinen Sachen und mir ist zum Heulen zu Mute.

Plötzlich muß ich innehalten. Irgendwie ist mir so, als ob ich heute Nacht geträumt hätte, daß... Ach, Quatsch! Ich hab jetzt andere Probleme.
Ich entscheide mich doch für die weiße Bluse und die beige Weste aus Paris. Dazu einfach eine Designer-Jeans, und damit basta.

Wieder im Bad. Himmel, schon gleich 9. Und ich hab noch nicht mal gefrühstückt. Also jetzt schnell: ein wenig Makeup, ja nicht zuviel, Rouge, Augenbrauen nachziehen, Eyeliner... Verdammter Mist! Wieso kleckst der blöde Eyeliner plötzlich? Das hat er doch noch nie... Und mitten auf die weiße Bluse! Natürlich!

Wieder zum Schrank und nach was anderem Weißen gesucht. Da muß doch irgendwo noch eine kurzärmelige Bluse... Ich kann sie nicht finden. Wütend zerre ich an den Kleiderbügeln und plötzlich bricht die schon lange überlastete Stange mit genüßlichem Knacken. Alle aufgehängten Kleidungsstücke ergießen sich in einen chaotischen Haufen auf dem Schrankboden. Ausgerechnet jetzt!

Ich nehme eine dunkle Bluse, obwohl sich die mit der Hose nicht verträgt, und knalle wütend die Schranktüre zu. Sie springt sofort wieder auf, aber das ist mir inzwischen auch schon egal.

Wieder zurück ins Bad. Bloß nicht auf die Uhr schauen. Schnell noch die Haare. Für eine gescheite Frisur bleibt heute eh keine Zeit mehr. Ich stecke mir nur die Haare hoch. Aber es fehlen zwei Haarspangen. Ich bin mir ganz sicher, daß ich die gestern hier in das kleine Tonkrügelchen gesteckt habe. Und wo sind die verd..... Dinger jetzt?

Jetzt bloß nicht heulen, sonst verschmiert der frische Eyeliner wieder.
Völlig mit den Nerven fertig verlasse ich das Badezimmer und betrachte mich im Spiegel auf dem Flur. Ich schaue entsetzlich aus! Irgendwie war das in meinem Traum alles ganz anders gewesen, aber...egal, es ist sowieso schon zu spät

Für ein Frühstück bleibt mir keine Zeit mehr, nicht mal eine Tasse Kaffee gönne ich mir. Ich schlüpfe in den Mantel und raus. Als die Tür hinter mir ins Schloß fällt, merke ich, daß etwas Entscheidendes fehlt.
Richtig, die Schuhe. Ich stehe mit Nylons auf den kalten Steinfußboden des Flurs. Wo zum Teufel sind die Wohnungsschlüssel.
Dann fällt mir ein, daß ich die gerade noch bei der Stereoanlage habe liegen sehen.
Ich lehne mich an die unerbittliche geschlossenen Wohnungstüre, schließe die Augen und zähle langsam bis Zehn. Dann stürze ich auf Socken in den Keller; der ist zum Glück nie abgeschlossen, weil niemand etwas Wertvolles darin aufbewahrt. In einer Ecke meines Kellerverschlags finde ich, was ich suche: die alten Schuhe, die ich eigentlich schon längst für die Altkleidersammlung aussortiert hatte. Ich nehme ein Paar Pumps, die noch nicht gar so abgenutzt aussehen und renne zum Auto.

Draußen ist Nieselregen und ich habe meinen Schirm nicht dabei. Das Auto springt wieder mal nicht an. Hätte ich bloß endlich die Batterie auswechseln lassen. Schon das letzte Mal, bei der Inspektion, hat der Mechaniker gesagt... egal. Keine Zeit jetzt einen freundlichen Fahrer zu finden, der mir Starthilfe gibt. Zur U-Bahn also. Der Nieselregen sorgt auf dem kurzen Stück bis zum U-Bahnschacht dafür, daß meine sowieso mißlungene Frisur vollends dahin ist.

Die U-Bahn kommt gerade, als ich auf den Bahnsteig laufe. Sehr gut.
Erst als die Türen sich schmatzend hinter mir schließen, fällt mir auf, daß die U-Bahn in die falsche Richtung fährt und ich kein Ticket gelöst habe.

Wenigstens bleibt es mir erspart, auch noch Strafe zu zahlen; kein Kontrolleur weit und breit. An der nächsten Station steige ich aus, kaufe mir ein Ticket und steige in die andere Richtung wieder ein.
Während der Fahrt zur Uni fällt mir siedendheiß ein, daß ich vielleicht den Lockenstab nicht ausgeschalten habe. Zurückfahren? Kommt nicht in Frage! Dann brennt halt die Bude ab!
An der Haltestelle Universität bleibe ich beim Aussteigen mit den alten Pumps im Schlitz vor den Schiebetüren hängen und der Absatz geht ab wie Butter.

WAS ZUVIEL IST, IST ZUVIEL!

Ich sehe nur noch rot, packe den nächstbesten Passanten bei den Mantelaufschlägen und schreie ihm ins Gesicht:

    "WARUM - GEHT - BEI - MIR - HEUTE - ALLES - SCHIEF!!!"
Dabei knalle ich seinen Hinterkopf im Takt der Worte an die U- Bahntüre.

Plötzlich schrecke ich hoch. Ich bin in meinem Büro, der Hals ist steif und verrenkt, weil ich den Kopf auf die Arme gebettet geschlafen habe.
Draußen, vor der angelehnten Türe, höre ich Mariannes durchdringende Stimme, wie sie mit Frau Bezelmann redet:

    "... glauben gar nicht, wie leicht so ein blöder Absatz einfach abgeht.
    Und ich stand da, mitten in der Fußgängerzone und keinen Absatz mehr und hätte eigentlich schon vor einer halben Stunde dort sein sollen. Mannomann. Haben Sie schon mal versucht, in Pumps ohne Absatz zu laufen? Ganz schöne Qual, kann ich Ihnen sagen. Und die Frisur war natürlich auch längst hin, wegen dem blöden Wetter..."

Hastig taste ich über mein Gesicht und meinen Körper. Ein Glück!
Alles wie gewohnt!

Ich stehe auf und schließe leise die Bürotüre.
Nichts gegen das weibliche Geschlecht, denke ich, während ich den Kopf diesmal auf die andere Seite lege und wieder die Augen schließe, aber das mit dem Eyeliner, das war vielleicht ein Alptraum!

 
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