BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

 nächstes
TEIL 25

T e i l       26

 
TEIL 27

 

B.A.f.H.
    26
Es sind Semesterferien. Die Studenten aalen sich ausnahmsweise nicht vor der Cafeteria in der Sonne, sondern in Griechenland oder in Thailand oder wo sich die heutigen Studenten sonst in der Sonne aalen.
Der Chef ist auf einer 'Vortragsreise' durch Südfrankreich; die meisten Kollegen nutzen die ruhigen Zeiten für intensive 'Heimarbeiten'.

Folglich ist mir langweilig. Nicht mal ein klitzekleines Virus im PC- Labor! Completo pantalon muerto! Zu deutsch: total tote Hose!

Ich browse gelangweilt durch die Weiten des Internets. Irgendwie stoße ich zufällig auf die Home Page eines Jazz Fanatikers in Albuquerque mit Hunderten - natürlich illegaler - Soundsamples. In der Seite über Chick Korea befindet sich - ich traue meinen Augen nicht - ein Link zur Scientology Sekte. Ich klicke mich gerade durch die einleitenden Seiten der Scientologen, als Frau Bezelmann anruft.

Ob ich Nero für eine Stunde bei mir im Büro beherbergen könne. Sie müsse zum Arzt. Da ich sowieso nichts Besseres zu tun habe, erkläre ich mich bereit, den Monsterraben solange in meinem Zimmer zu dulden, vorausgesetzt, er ist sicher in seinem goldenen Käfig verwahrt.

Schließlich habe ich keine Vorurteile gegen kahle Raben mit gelben Augen, auch wenn sie - wie Nero - ein wenig nach Moder und Gruft müffeln.

Keine Minute später bringt Frau Bezelmann persönlich den Käfig herein. Ich stelle ihn meinem Schreibtisch gegenüber an die Wand, so daß Nero mir nicht über die Schulter schauen kann (man kann nie wissen), und sage zu Frau Bezelmann:

    "Na, dann viel Spaß im Fitnesstudio!"
Ich weiß nämlich aus zuverlässiger Quelle, daß Frau Bezelmann seit neuesten Karate lernt.
Frau Bezelmann preßt nur verächtlich die schmalen Lippen zusammen und verschwindet mit laut klackenden Absätzen den Flur hinunter.

Ich schaue den Raben Nero an, und der Rabe Nero schaut mich an.
Nachdem wir uns zwei Minuten lang ohne zu blinzeln angestarrt haben, bekomme ich ein leicht flaues Gefühl im Magen und wende gewaltsam meinen Blick von den kleinen gelben Augen mit den stecknadelgroßen Pupillen.

Auf dem Display ist immer noch die Begrüßungsseite der Scientology Sekte in Deutschland. Einer der Links verspricht ein 'umfassendes Psychogramm nach der Oxford-Methode'. Natürlich völlig unverbindlich und kostenfrei. Selbst ein blutiger Anfänger erkennt sofort, daß es sich um eine Bauernfängerei handelt.
Ich klicke die Seite an und überfliege das Formular. Ziemlich läppisch.
Die Intention der meisten Fragen ist sonnenklar. Fast noch primitiver als die Psychotests in den Fernsehzeitschriften.
Ich will die Seite gerade verlassen, da fällt mein Blick auf Nero, der immer noch aufmerksam jede meiner Bewegungen verfolgt.
Ich rufe das Formular nochmal auf und beginne zu tippen:

Vorname: Nero Nachname: Bezelmann Telefon: (Nach kurzem Zögern gebe ich meine Büronummer ein) Adresse: (Ich gebe die Adresse des Chefs ein; der ist sowieso auf Vortragsreise) Alter: 26 Geschlecht: Männlich Stand: Ledig

Jetzt beginnen die eigentlichen Fragen zum Psychogramm:
Ich schildere Nero als einen ziemlich verklemmten jungen Mann, der seinen Eltern nie verzeihen wird, daß sie ihn nicht aufs Internat geschickt haben. Statt dessen haben sie ihn zum Nesthocker erzogen.
Er raucht nicht, trinkt nicht, lacht selten und fällt nie jemandem spontan um den Hals. Er hat einen regelmäßigen Job (nach dem Einkommen wird nicht gefragt!), bekommt aber nicht die ihm zustehende Anerkennung. Er ist von einer weiblichen (sic!) Vorgesetzten abhängig, die ihn in seiner Karriere behindert. Darüber hinaus ist Nero fatalistisch, schaut seinem Gesprächspartner immer direkt in die Augen und haßt spontane Ausflüge oder Besuche. Außerdem fällt es ihm schwer, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Schließlich liebt er seine Arbeit, aber nicht seine Mitarbeiter. Er geht äußerst ungern aus dem Haus und würde niemals freiwillig in eine größere Wohnung umziehen.

Ich mache die Antworten so ehrlich wie möglich, und wo nicht möglich, runde ich die Sache ein wenig ab. Dann lese ich das Ganze Nero vor und frage ihn, ob er damit einverstanden sei.
Nero hat inzwischen begonnen, die spärlichen Brustfedern zu putzen, und beachtet meine Frage mit keinem Blick. Statt dessen dreht er sich gemächlich auf seiner goldenen Stange um und läßt etwas fallen.

Ich füge unter der Rubrik 'Sonstiges' noch ein: 'Habe eine Glatze und ständige Verdauungsprobleme.' und schicke das Formular an den Rechner der Scientologen in Berlin.

Keine zwei Wochen später klingelt das Telefon, und da ich gerade guter Laune bin, hebe ich ab.

    "'llo?" sage ich, während ich die Pizza in die andere Hand jongliere und die Cola zwischen PC-Monitor und Videorecorder festklemme.
    "Hier spricht Miriam von der Dianetik-Gruppe Berlin. Wer ist da, bitte?" sagt eine energische weibliche Stimme, etwa 35, dunkelhaarig, mit leichtem Ansatz zum Oberlippenbart und Kontaktlinsen (eine genauere Analyse wird erst möglich sein, wenn sich digitales Telefonieren mehr durchgesetzt hat. Es lebe das ISDN!).
    "Hier bin ich", sage ich.
Im 'Ratgeber für effiziente Verhandlungen über das Telefon' steht ausdrücklich, daß man sich kurz und präzise ausdrücken und dem Gesprächspartner Gelegenheit zum Rückfragen geben solle. Das fördere den kommunikativen Prozess und führe zu beiderseitiger Befriedigung des angeborenen Bedürfnisses nach Anteilnahme und Feedback aus der Sprachgemeinschaft, oder so ähnlich.
    "Und wer sind Sie?" fragt sie.
    "Ich bin ich. Sie müssen doch wissen, wen Sie anrufen wollten."
    "Sind Sie Herr Bezelmann? Nero Bezelmann?"
    "Nein. Der ist gerade nicht in seinem Zimmer."
    "Ah. Wie schade. Wann..."
    "Ich glaube, er ist gerade mal wieder bei seinem Therapeuten."
    "Therapeuten?" Die weibliche Stimme klingt auf einmal sehr interessiert.
    "Ja. Wissen sie, Nero hält sich seit frühester Kindheit konsequent immer nur in geschlossenen Räumen auf. Er verläßt nie einen geschlossenen Raum. Deswegen ist er jetzt beim Therapeuten."
    "Aber... wenn er zum Therapeuten geht, muß er doch auch aus dem Haus...", wendet die weibliche Stimme ein.
    "Er nimmt das Auto", sage ich. "Alle Scheiben bis auf die Windschutzscheibe sind dunkel getönt."
    "Aber... um zum Auto zu gehen, muß er doch auf die Strasse."
Der Logik dieser hartnäckigen Scientologen-Miriam ist nicht so leicht auszukommen.
    "Schon mal was von Tiefgaragen gehört?"
    "Ah..."
    "Genau. Nero besucht nur Häuser, die er über die Tiefgarage befahren kann. Sein eigenes Haus hat natürlich auch eine. Bei uns arbeitet er nur, weil unsere Firma auch eine Tiefgarage hat."
    Ich höre sogar durch die Leitung den Bleistift aufgeregt kritzeln.
    "Ähm... hören Sie, ich muß Nero unbedingt erreichen. Mein Name ist Miriam; ich bin von der Oxford Persönlichkeitsanalyse. Nero hat bei uns ein Profil angefordert und ich wollte noch ein paar Informationen von ihm...."
    "Ich kann es ihm ja ausrichten", sage ich zweifelnd, "aber ich glaube kaum, daß er zurückruft."
    "Äh... wieso?"
    "Nero kommuniziert fast ausschließich über das Internet; er haßt direkten Kontakt mit Menschen."
    Auf der anderen Seite der Leitung sabbert etwas begeistert.
    "Hören Sie, ich MUSS ihn UNBEDINGT sprechen. Ich bin sicher, daß wir ihm helfen können"
    "Mhm. Ich gebe Ihnen mal seine Privatnummer..."
    "AH! JA!"
Ich gebe ihr die Nummer vom Chef und sie legt auf.

Am nächsten Morgen klingelt um halb zehn (sic!) das Telefon. Sie ist es wieder.

    "Äh... kann ich Nero Bezelmann sprechen?"
Ich schaue zu Nero hinüber, der sich zufällig mal wieder unter meiner Aufsicht befindet (Frau Bezelmanns Fortschritte in Karate machen mir allmählich Sorgen!) und sich gerade angelegentlich die Schwanzfedern putzt.
    "Ähm, nnnnein. Der ist gerade sehr beschäftigt."
    "Aber er ist da?"
    "Ja, da ist er. Wenn Sie damit meinen, daß er körperlich anwesend ist."
    "Wie bitte?"
    "Er ist körperlich zwar anwesend, aber nicht geistig "
    "Wieso?"
    "Nun, ich glaube, daß er noch unter dem gestrigen Schock leidet. Er hat seinen eigenen Vater in der Tiefgarage überfahren."
    "Ein SCHOCK?! Ich meine... wie äußert sich das denn bei ihm???"
Ich merke, daß sie vor lauter Neugierde den Hörer nicht mehr ruhig halten kann. Ich könnte der Scientologen-Tante jetzt alles erzählen. Ich könnte zum Beispiel sagen, daß es Nero von seinem Schock heilen würde, wenn sie ihm durchs Telefon Bukowsky-Gedichte rezitierte.
    "Hallo? Sind Sie noch dran?" fragt sie ungeduldig.
    "Ja, klar. Haben Sie zufällig einen Bukowsky-Band bei sich?"
    "Nein? Wieso?"
    "Vergessen Sie's. Also, im Moment webt er."
    "ER WEBT?!"
    "Naja, er sitzt da, starrt die Wand an und wiegt sich langsam von einer Seite zur anderen; das macht er manchmal den ganzen Tag..."
    "Aber... aber, das ist ja schrecklich."
    "Tja, ist es wohl. Normalerweise hilft ihm in so einem Zustand nur noch eine Katze."
    "Eine Katze", kommt es fassungslos durch die Leitung.
    "Richtig. Eine Katze. Oder Katzenmiauen. Sie müssen wissen, daß Nero früher mal eine Katze hatte, die er abgöttisch geliebt hat. Deshalb hilft es manchmal, wenn er Katzenmiauen hört."
    "Und... wo ist Neros Katze jetzt?"
    "Tot", sage ich lakonisch, "er hat sie aufgegessen."
    "WAS?!"
    "Auf-ge-ges-sen", wiederhole ich deutlich, "verspeist, gefressen, vertilgt, verkonsumiert, einverleibt, ..."
    "Hören Sie auf! Das glaube ich einfach nicht! Ich möchte jetzt Nero selber sprechen!"
    "Gut. Ich halte ihm den Hörer hin, ok?"
Ich stehe auf und gehe mit dem Telefon zu Neros Käfig hinüber.
    "Hier, Nero. Da will dich jemand sprechen", sage ich und halte den Hörer dicht an die Käfigstäbe.
Nero beobachtet mich mißtrauisch; den Hörer würdigt er keines Blickes; auch nicht, als die aufgeregt piepsende Stimme daraus ertönt. Ich nehme den Hörer wieder weg.
    "Hallo, Nero?"
    "Nein, ich bins wieder", sage ich. "Ich glaube, Nero möchte nicht mit Ihnen sprechen."
    "Was hat er gemacht?"
    "Er hat kurz aufgehört zu weben, aber jetzt hat er wieder angefangen."
    "Aber er muß mir zuhören. Ich habe die frohe Botschaft, die ihn für immer aus seiner Qual erlösen wird."
Der Tonfall der weiblichen Stimme ist auf einmal ganz salbungsvoll geworden. So was geht mir gewaltig gegen den Strich; wie wenn man mit den Fingernägeln über eine Schieferplatte kratzt; oder mit einem stumpfen Küchenmesser Styroporplatten zerschneidet. Na warte!
    "Vielleicht, wenn Sie ihm etwas vor-miauen", schlage ich vor.
    "WAS?!"
    "Ich sagte Ihnen doch, er liebt Katzen. Passen Sie auf: ich halte ihm den Hörer hin, und Sie miauen ihm was vor. Das ist die einzige Chance, seine Aufmerksamkeit zu erregen."
Die Scientologen-Tante schreckt vor nichts zurück. Hat wohl ihr Pensum an neuen Opfern noch nicht erreicht, wie?
    "Na, gut", sagt sie und fängt zaghaft an zu maunzen.
    Ich hänge den Hörer in die Gitterstäbe und schalte den Lautsprecher ein, um ja nichts zu verpassen.
Nero wird aufmerksam. Wenn er etwas nicht ausstehen kann, sind das Katzen jeder Art. Er rückt unruhig auf seiner Stange hin und her.
Das anfangs zaghafte Miauen (unterbrochen von ein, zweimaligem Räuspern) steigert sich zum gefühlvollen Katzengesang.
Nero verläßt seine goldene Lieblingsstange und hopst auf den Boden des Käfigs. Er krächzt zweimal warnend, dann geht er zum Angriff über. Der schwarze lange Schnabel trifft zielsicher aufs Mikrophon; im Lautsprecher klingt es wie ein Schuß.
Das Miauen bricht ab.
    "Was war das? Nero, sind Sie da?"
Nero krächzt triumphierend, erfreut darüber, daß er das impertinente Katzenvieh in die Flucht geschlagen hat. Das Krächzen klingt wie das erste Morgenröcheln eines TBC-kranken Kettenrauchers nach einer durchzechten Nacht.
    "Um Gottes Willen! Nero? Geht es Ihnen gut?! Hallo?! HALLO!!!"
Ich nehme den Hörer wieder zur Hand.
    "Tja, ich fürchte, das Miauen hat ihm auch nicht gefallen. Er hat sich gerade mit seiner Lunger durch die Schläfe geschossen..."
    "Wwwwas?!"
Die Stimme der Scientologen-Tante wird langsam hysterisch.
Wahrscheinlich noch nicht lange im Geschäft. Hah!
    "Keine Angst!" sage ich. "Er simuliert das nur. Das macht er ziemlich häufig."
    "Sisisisim...sim...simuliert?!"
    "Mhm. Hat er sich aus den Film 'Harold and Maude' abgeguckt. Jetzt liegt er da vor mir auf dem Fußboden und blutet gerade echt realistisch den Teppich voll. Schöne Sauerei!."
    "Oh, mein Gott! Sind Sie sich auch ganz sicher, daß er simuliert? Ich meine, es klang so realistisch... der Schuß... und wie er... wie er verendet ist..."
    "Nein, nein. Wissen Sie, ich glaube, das war nur Neros Art, Ihnen mitzuteilen, daß er keine Lust hat, wie die ganzen anderen Vollidioten in Ihrer Sekte den lieben langen Tag am Telefon zu hängen und nach noch blöderen Vollidioten zu suchen."

Es bleibt still im Telefon. Fünf ganze Sekunden herrscht Stille (ich zähle stumm mit). Dann klickt es leise.

Es hört sich an wie ein gefallener Groschen.

 
TEIL 25

 
TEIL 27