BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Auf dem Weg zur Cafeteria stolpere ich zu hunderttausendsten Mal über die Innereien der alten PDP11, die seit Studentengenerationen dekorativ in unserem Gang herumlungert. Vor mich hinfluchend reibe ich den schmerzenden Knöchel und betrachte kritisch unseren 'Elefantenfriedhof': Drei ausgeschlachtete Mikrovaxen, bei denen die Kabel aus den Chassis hängen, jede Menge alter Terminals, Kisten mit kaputten Meßgeräten und Elektronikschrott, Kabeltrommeln, ein Regal voller alter Datenbücher über Teile, die längst niemand mehr herstellt, ein halbes Dutzend ausgeleierter Bürostühle mit nur vier Rollen, auf denen sogar die unerschrockensten Studenten nicht mehr sitzen möchten.

Und alles lagert mangels Platz auf unserem Gang mitten im Institut.
'Fluchtweg' steht in großen grünen Buchstaben auf einem Schild und der Pfeil deutet direkt in eine gemütlichen Ansammlung alter Büroschränke, in denen weiß Gott was für uralte Akten bis zum St.
Nimmerleinstag aufbewahrt werden.

Marianne kommt mir aus der Teeküche entgegen und windet sich vorsichtig durch herabhängende Kabelbäume. Eines der Kabel versucht sie zu strangulieren, aber Marianne, durch langjährige Erfahrung gewitzt, weicht in letzter Sekunde aus.

Gefährlich, denke ich entzückt, böse und gefährlich.
Probeweise zerre ich an ein paar giftgrüngelben Massekabeln, die wie bösartige Gewächse aus dem Sockel der PDP11 wuchern. Sofort löst sich irgendwo über meinem Kopf eine schwere Drosselspule und poltert haarscharf an meinem Kopf vorbei. Zwanzig Zentimeter weiter rechts und mein Schädel wäre jetzt Matsch.

Natürlich, es ist ja auch nur zu verständlich. Diese Maschinen waren einmal - vor gar nicht so langer Zeit - das Non-Plus-Ultra der Rechnertechnologie, High Tech, sündhaft teuer, von allen gehätschelt und umsorgt. Was war das für ein Drama, wenn bei einer PDP11 ein Plattenlaufwerk mit 2 MB (in Worten: Zwei Megabyte) ausfiel. Es war wie ein Trauerfall in der Familie; das ganze Institut versammelte sich im eisgekühlten Rechnerraum und umstand den armen Patienten, gab Ratschläge, versuchte zu helfen oder bekundete einfach nur Anteilnahme. Man schuf extra Räume mit spezieller Klimaregelung, raffinierten Einbruchs- und Feuermeldeanlagen. Die Systemverwalter waren Priester einer neuen Kaste, mit Leib und Seele der geheiligten Maschine verschrieben. Ich kannte Systemmanager, die ihren Urlaub in die Wartungszeiten der ihnen anvertrauten Maschine legten; ein anderer war hundertprozentig davon überzeugt, daß seine 'Babies' sofort abstürzen würden, wenn er einmal nicht pünktlich um halb neun Uhr nach den Backups schaute.

Und jetzt? Aus ist's mit der Herrlichkeit. Verstossen und verlassen stehen sie da, die einstigen Kings. Verdrängt von lächerlichen Rechenzwergen, die nichtsdestotrotz mit links die hundertfache Leistung erbringen. Kein Mensch kümmert sich mehr um diese alten Elefanten - aber wegwerfen bzw. entsorgen, wie das heute heißt, darf man sie auch nicht. Schließlich haben sie mal vor langer Zeit Hunderttausende gekostet und sind noch lange nicht abgeschrieben.
Einsam, tot und inventarisiert stehen sie in Gängen und dunklen Ecken und warten darauf, daß sie endlich ihre letzte Reise zur Sondermülldeponie antreten dürfen. Ab und zu kommt ein Veteran der ersten Stunde an ihnen vorbei, streicht ihnen zärtlich über die Bitschalterregister und denkt wehmütig an die guten alten Zeiten, wo man einen Bootzyklus noch Bit für Bit hineinhacken mußte.

Tot? Na, wer weiß. Gerade hat mich wieder so ein altes Trum, eine Art umgebauter BS2000 mit einer 110 Volt Netzleitung am Bein gepackt.

Eben nicht tot! Wütend sind sie! Sie toben innerlich über die Ungerechtigkeit der modernen Zeiten. Wahrscheinlich ist die Enttäuschung über die Treulosigkeit der Menschen im Laufe der Jahre so groß geworden, daß die Gesetze der Statistik nicht mehr gelten. Wie sagte S. Lem einmal in den Sterntagebüchern?

    "Quantenmechanisch ist alles eine Frage der Statistik. Auch wenn der Mensch zigmillionenmal derjenige war, der den Rechner ausgeschaltet hat, kann es doch beim zigmillionenersten Fall einmal der Rechner sein, der den Menschen ausschaltet."
(Das Zitat ist etwas frei angeglichen; man möge mir verzeihen! Im Orginal ging es um Kartoffeln und nicht um Computer!)

Nachdenklich betrachte ich die armen Maschinenkreaturen. Arme alte Elefanten. Man müßte etwas für sie tun.
Ich krempele mir die Ärmel hoch.

Am nächsten Morgen ruft mich Kollege O. an, obwohl sein Büro nur ein paar Schritte von dem meinigen entfernt ist.

    "Ja?" sage ich.
    "Äh, was macht der ganze alte Schrott in meinem Zimmer!?"
    "Was für ein Schrott genau?" frage ich höflich zurück.
Man muß am Telefon immer für absolute Klarheit der Begriffe sorgen; sonst redet man sich unter Umständen die Köpfe heiß und nach einer Stunde merkt man dann, daß nur eine abweichende Begriffsbestimmung bei den beiden Gesprächspartnern vorliegt.
    "Was für ein Schrott genau!!!" äfft er mich nach. Kollege O. ist offensichtlich stark erregt. "Das alte Monster, das immer dahinten im Gang stand! Jetzt ist es in meinem Zimmer und blinkt und gibt fürchterliche Geräusche von sich!"
    "Ach du meinst die Segment 3 Bridge", sage ich beruhigend. "Nur keine Panik. Ich habe die Bridge wieder in Betrieb genommen, weil die neue in Reparatur ist. Und da sich die Segmente nur in deinem Zimmer berühren, mußte ich..."
    "Das ist doch keine Bridge, das ist ein... ein... ein..."
Kollege O. verstummt, weil er eben NICHT weiß, daß es sich um eine uralte Industrie-Mikrovax handelt, die ich ihm da ins Zimmer geschoben habe. Da zeigt es sich wieder mal: Wissen ist Macht!
    "Doch, ganz bestimmt ist das eine Bridge von Digital", versichere ich ihm. "Sie ist zwar schon eine Weile nicht mehr gelaufen, aber du kannst an der Rückseite sehen, daß das Segment 3 und das Backbone daran angeschlossen sind - und es funktioniert."
Was Kollege O. nicht sehen kann: Ins Innere der ausgeschlachteten Vax, bei der sowieso nur noch Lüfter und eine Platte laufen, habe ich die moderne Bridge ganz locker integriert.
Kollege O. gibt sich geschlagen und legt auf, nachdem ich ihm versichern mußte, daß 'das Ding sofort wieder entfernt wird', wenn die reparierte Bridge zurückkommt. Das kann ich ihm guten Gewissens versichern.

Als nächstes steht, wie aus dem Boden gewachsen, Frau Bezelmann in meiner Tür. Ihre Brillengläser blitzen angriffslustig.

    "Jemand hat die Kaffeemaschine entwendet", verkündet sie drohend.
    "Statt dessen steht da eine fürchterlich staubige, lärmende Maschine in der Ecke, die Nero Angst macht. Er ist ganz verstört, der Arme!"
    "Die Kaffeemaschine ist mir gestern heruntergefallen", erkläre ich.
    "Heruntergefallen!" echot Frau Bezelmann unheilschwanger.
    "Aber das macht nichts", fahre ich hastig fort, "weil wir ja noch die sehr zuverlässige Industrie-Kaffeemaschine haben. Ich habe sie gleich in Ihr Büro bringen lassen. Zugegeben, sie ist etwas groß, aber..."
    "Industrie-Kaffeemaschine!!!"
    "Ja, sicher. Das war noch lange vor ihrer Zeit. Sie müssen den orangen Hauptschalter an der linken Seite drücken, in den oberen Trichter Wasser einfüllen..."
    "Morgen!!" sagt Frau Bezelmann entschieden. "Morgen kommt das Ding weg, und wenn ich ich auf eigene Kosten eine neue Kaffeemaschine kaufen muß!!!"
Na gut, denke ich, man kann nicht immer gewinnen. Obwohl ich die PDP11 im Sekretariat ganz dekorativ fand. Sie paßte irgendwie gut zu dem uralten IBM PC, den Frau Bezelmann immer noch in Gebrauch hat. Und die Kaffeemaschine hat auch ganz gut hineingepaßt.

Das Telefon klingelt wieder. Diesmal ist es der Chef.

    "Äh... Leisch? Gut, daß Sie äh... da sind. Hm... ich vermisse irgendwie meinen... äh... PC. Haben Sie...?"
Ich erkläre dem Chef ausführlich, daß die modernen PCs einfach schrecklich unzuverlässig sind. Alles nur in Taiwan zusammengestöpselt. Ständig Hardware-Ausfälle. Und plötzlich sind dann die ganzen Berichte fort, oder es passiert noch was Schlimmeres.
    "Deshalb habe ich Ihnen die alte, zuverlässige VaxStation 3000 wieder in Ihr Büro gestellt. Da können Sie sich wenigstens drauf verlassen, nicht wahr?"
    "Oh... naja, ich hatte mich eigentlich schon... äh..."
    "Außerdem können Sie da ohne Probleme Fortran-77 laufen lassen."
    "Ah? Ja? Na dann... äh.... Vielleicht haben Sie ja recht. Das... äh...
    moderne Zeugs soll ja auch so... so... gesundheitsschädlich sein, nicht?"
Ganz bestimmt, versichere ich dem Chef.
    "Ja, hm... und das andere Ding da... ähm... unter... unter meinem Schreibtisch... ich meine, das sieht fast so aus wie... wie... na... wie ein Plattenlaufwerk...?"
Bingo! Der Kandidat hat hundertundzehn Punkte!
    "Ganz recht", sage ich. "Das ist das Plattenlaufwerk, auf dem Ihre VaxStation automatisch Backups macht. Dadurch haben Sie doppelte Datensicherheit, verstehen Sie? Sie sind sozusagen autark."
Autark sein gefällt dem Chef fast immer. Hoffentlich bemerkt er nicht, daß die Kiste gar nirgends angeschlossen ist.
    "So... ja, das ist ja... äh... schön", kommt es zögernd durch die Leitung.
    "Außerdem", setze ich noch eins drauf, "außerdem werden Sie jetzt nie wieder kalte Füße bekommen, weil der Lüfter die warme Abluft genau unter Ihren Tisch bläst."
    Wenn man mal davon absieht, daß wir zur Zeit Hochsommer haben.
    "Aha? Ja... das ist wirklich sehr... äh... passend. Also dann..."
Der Chef legt auf. Die drei alten Terminals an der Wand blinkern mir freundlich zu.

Wenigstens einer, der ein Herz für die alten Elefanten hat.

 
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