BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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An meinem Data-Glove ist ein Stecker abgebrochen, was zur Folge hat, daß ich den Steuerknüppel in SpaceSpiders III 1/2 nur noch von links nach rechts bewegen kann. Nachdem zum dritten Mal eine fette gelbe SpaceSpider mein Raumschiff hoffnungslos umsponnen hat, gebe ich auf.
Ich fahre die Schilde hoch und begebe mich gemächlich hinunter in die Werkstatt der Haustechnik, um den Schaden am Data-Glove zu beheben.

In der Ecke der Werkstatt sitzt eine aufgeschlagene BILD-Zeitung neben einer halb geleerten Flasche Bier. Ohne sie weiter zu beachten, werfe ich die Lötstation an und gehe hinüber zum Materialschrank, um nach einem passenden Ersatzstecker zu suchen.

    "He!"
Ich fühle mich nicht angesprochen. Die Haustechnik und ich, wir haben ein bewährtes beiderseitiges Nicht-Einmischungs-Abkommen.
    "He, Sie da!! Was macha Sie'n da?!"
Ich drehe mich um. Die BILD-Zeitung liegt auf dem Tisch; der Typ, ein corpus grave im Blaumann, ist schon halb aufgestanden und kommt auf mich zu. Ich schaue in das vom Zorn gerötete, mir völlig unbekannte Technikergesicht.

Ein Neuer! Ah-Oh!

    "Se kenna do ned eifach da reikomma un... un da rummacha!" sagt er nachdrücklich.
Ich nenne deutlich meinen Namen - keine Reaktion. Ich erkläre dem ganz offensichtlich brandneuen Haustechniker, daß ich etwas zu reparieren habe und zeige ihm den abgebrochenen Stecker.
Er betrachtet das Ding wie ein besonders widerliches Insekt, das sich auf der Windschutzscheibe seines Rolls Royce zerbatzt hat.

    "Ham Se an blauen Reparaturauftrag?!" raunzt er mich an. Ah-Oh!
Ich räume ein, daß ich keinen habe und er wirft mich hinaus. Auf dem Weg zum Lift begegne ich dem Leiter der Haustechnik. Ich lächele freundlich:
    "Wußten Sie schon, daß ich keinen blauen Reparaturauftrag habe?" sage ich im Plauderton. Sonst nichts.
Der Werkstattleiter wird schlagartig kalkweiß, zieht scharf die Luft ein und stürzt ohne ein weiteres Wort an mir vorbei in die Werkstatt. Während ich auf den Lift nach oben warte, höre ich seine verzweifelten Schreie.

Ich mache eine Zwischenstop in der Tiefgarage und schiebe alle Wagen, bei denen die Handbremse nicht angezogen ist, aus ihren Boxen. Ein hübsches Durcheinander.
Dann befestige ich Wegwerf-Feuerzeuge unter zwei schwer zugänglichen Sprinklern und lasse sie auf kleiner Flamme schmoren. Nach meiner Schätzung wird in spätestens zwanzig Minuten das Parkdeck überflutet.
In beiden Aufzügen klebe ich frischen Kaugummi in die Löcher der Lichtschranken; die Fahrstühle bleiben gehorsam auf auf dem obersten Stockwerke stehen und rühren sich nicht mehr vom Fleck.
In Labor II der Biophysiker verstöpsele ich sorgfältig das Handwaschbecken, stopfe den Lappen in den Überlauf und drehe das Wasser voll auf. Ich schätze, daß in etwa einer Stunde die katholischen Theologen im Stockwerk unter uns die feuchte Gabe von oben bemerken und Alarm schlagen werden.

Zurück in meinem Büro ignoriere ich das hektisch klingelnde Telefon - ich kann mir schon denken, wer dran ist - und rufe statt dessen über die Modemleitung die Metzgerei um die Ecke an. Der Angestellte dort ist zuerst etwas verblüfft, aber dann freut er sich natürlich, daß die Stammkundschaft in der Haustechnik anstatt wie üblich zwei Pfund ab morgen zwanzig Pfund Leberkäse beziehen wird. Außerdem erkläre ich ihm überzeugend, daß Bier am Arbeitsplatz von nun an nicht mehr angebracht sei und er doch bitte von nun an zur Brotzeit Eistee mit Maracuja-Geschmack liefern solle.

    "Und Essiggurken", füge ich noch hinzu, "mindestens ein Pfund jeden Tag."
Er verspricht, daß alles nach unserer Zufriedenheit erledigt werden würde.

Im Sekretariat erkundige ich mich nach den blauen Formularen für Reparaturaufträge. Frau Bezelmann deutet auf die entsprechende Schublade, ohne den konzentrierten Blick von ihrem neu aufgerüsteten Mac zu wenden. Wieder einmal bemerke ich mit Befriedigung, daß unsere Mitarbeiter moderne Bürotechnik zu schätzen wissen.

    "Da sind nur noch 36 drin", stelle ich beiläufig fest und nehme den Packen an mich. "Sie sollten bei Gelegenheit neue besorgen."
Frau Bezelmann blickt kurz von ihrem Computerspiel auf (aus den Augenwinkeln sehe ich, daß sie mittlererweile den Super-Witch-Level III in 'SadoVixens' erreicht hat!) und verzieht ihre Mundwinkel ganz leicht nach unten. Der Rabe Nero krächzt beifällig in seinem goldenen Käfig. Ich gebe ihr die high five und marschiere zurück in mein Büro.

Mit Hilfe des Computers im Universitätsbauamt - ein mies geschützter uralter HP; aber er hängt wenigtens am Netz - suche ich die Zimmernummern der an schwersten zugänglichen und am weitesten entfernten Räume im ganzen Campus heraus. Dann fülle ich sorgfältig und genüßlich 36 Reparaturaufträge für flackernde Neonlampen, überflutete Klospülungen, kaputte Klimaanlagenregler, zerbrochene Telefonanschlußdosen, tropfende Wasserhähne, fehlende Türklinken, verbogene Fensterbrettabtropfnasen, festgefahrene Jalousien, fehlende Heizkörperventilkappenthermostate, tote Datennetzzugänge und verstopfte Entlüftungsschächte aus.
Selbst wenn die Burschen der Haustechnik dort nichts vorfinden, was zu reparieren ist (was ich bezweifele), werden sie allein Wochen dafür brauchen, die Räume alle aufzusuchen.

Dann lehne ich mich entspannt zurück und lausche noch eine Stunde dem periodisch wiederkehrenden Klingeln des Telefons.

Gegen halb vier, kurz bevor ich mich in den wohlverdienten Feierabend verabschieden möchte, klopft es zaghaft an der Türe. Der stellvertretende Werkstattleiter der Haustechnik steht draußen. Es schwitzt, daß ihm die Soße aus den Augenbrauen tropft, und er hält krampfhaft eine hübsch verpackte Magnum umklammert.
(Nicht doch! Nicht was Sie denken! Dies ist eine gewaltfreie Kolumne!
Ich spreche von einer Sektflasche!)

    "So ein Zufall", rufe ich erfreut und halte ihm den Packen blaue Reparaturformulare unter die tropfende Nase. "Gerade wollte ich das an Sie in die Hauspost geben.
Eine halbe Stunde später einigen wir uns, daß in beiderseitigem Interesse und unter der Berücksichtigung, daß der Kollege von heute morgen noch ganz neu und unerfahren war, etc. etc. pp. ... Friede, Freude, Eierkuchen!
Gemeinsam lassen wir feierlich die 36 blauen Reparaturformulare in Frau Bezelmanns neuen Reißwolf, Marke 'Final Extinction', verschwinden.

Auf dem Heimweg denke ich noch, daß eine solche Magnum doch ziemlich schwer ist.

Das nächste Mal sollen sie sie mir gefälligst gleich ins Haus schicken.

 
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