BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

 nächstes
TEIL 33

T e i l       34

 
TEIL 35

 

B.A.f.H.
    34
Auf dem Gang krächzt es heiser. Ein schlechtes Zeichen!

Wenn Frau Bezelmann ihren Raben Nero mitschleppt, heißt das, daß sie nicht nur mal eben für kleine Mädchen geht. Es heißt, daß sie in offizieller Mission unterwegs ist, am Ende sogar im Auftrag des Chefs. Offizielle Mission - das riecht nach Ärger, oder schlimmer: nach Arbeit.

Im nächsten Moment steht sie auch schon im Türrahmen. Typisch, daß sie bei mir anfängt! In der linken Hand trägt sie einen Teller, DEN Teller.
Nero sitzt auf ihrer linken Schulter festgekrallt und betrachtet mich höhnisch aus seinen kleinen gelben Knopfaugen. Jedesmal, wenn mich dieses gerupfte Rabenvieh anstarrt, sehe ich in seinem Blick die unendliche Verachtung der geflügelten Kreatur über uns lächerliche Erdenwürmer.
Dann denke ich ganz schnell an meinen rabensicheren Kühlschrank zuhause, damit ich keine Depressionen bekomme.

Frau Bezelmann erläutert mit zusammengepreßten Lippen, daß sie für einen Blumenstrauß sammele; für den Kollegen J., der momentan im Krankenhaus liegt.

Frau Bezelmann betont das Wort 'Blumenstrauß' ungefähr wie 'thalasianisches Höhlenstinktier'. Frau Bezelmann hat für solche läppischen Sentimentalitäten nicht viel übrig, genauer gesagt, überhaupt gar nichts.
Wenn es wenigstens ein Kaktus, eine hübsche Carnivore oder wenigstens eine gescheite Distel gewesen wäre! Das Sekretariat ist inzwischen voll davon; manche schnappen, wenn man zu dicht dran vorbeigeht.
Besonders beliebt bei den Mitarbeitern ist auch der 'Post-Kaktus': Frau Bezelmann pflegt die Post nicht mehr in die Fächer zu verteilen, sondern piekt sie auf einen riesigen Säulenkaktus in der Ecke des Sekretariats. Je unbeliebter man im Sekretariat ist, desto tiefer im Stachelgewirr muß man seine Post suchen. Fairerweise muß ich hinzufügen, daß Jodtinktur und Verbandsmaterial immer bereitliegen.

Frau Bezelmann hält mir also DEN Teller hin; ihre andere Hand hält sie hinter dem Rücken verborgen. Die herabgezogenen Mundwinkel irritieren mich; normalerweise ist das ein gefährliches Zeichen.

    "Was haben Sie da eigentlich hinter Ihrem Rücken?" frage ich vorsichtig.
    Ihre Mundwinkel zucken ganz leicht.
    "Etwas, was die Spendenfreudigkeit der Mitarbeiter sichern soll", sagt sie bissig, und Nero krächzt beifällig.
Ich zahle anstandslos meinen Obulus - schließlich weiß ich vom Herumstöbern in ihren Mails, daß Frau Bezelmann seit neuestem Mitglied im feministischen Schützenverein 'Pink Ladykillers' ist. Und im Sekretariat lagen in letzter Zeit öfters Waffenkataloge herum...

Wenig später kracht es weiter hinten im Korridor - offensichtlich hat ein geiziger Mitarbeiter die Zeichen falsch verstanden...

Kollege J. ist übrigens nicht wegen Blinddarm oder Tonsilektomie bei den Profi-Quacksalbern. Oh nein!
Er erholt sich von einem fast tragisch verlaufenen Lachkrampf!

Vorige Woche hatte der Chef den Kollegen J. gebeten, ein Software-Paket für Windows 95 auf seinem Laptop zu installieren. Der Laptop des Chefs ist der einzige Rechner am LEERstuhl, der unter Windows 95 fährt bzw.
vor sich hin torkelt.
Kollege J., von Natur aus gutmütig und hilfsbereit, ist nach vier Tagen am Ende seiner geistigen Kräfte - und die Software läuft immer noch nicht.
Ausgerechnet zu diesem kritischen Zeitpunkt taucht ein Vertreter auf, der uns seine neuen Industrie-PCs anpreisen will. Frau Bezelmann schickt ihn ahnungslos zum Kollegen J. (bei mir versucht sie sowas schon gar nicht mehr; ich lasse die Burschen gar nicht erst in mein Büro!).
Kollege J. schaut sich das Vorführmodell an, daß der Vertreter freundlicherweise gleich mitgebracht hat, und fragt, warum das Ding keinen Reset-Knopf habe.
Daraufhin erläutert ihm der Vertreter treuherzig, daß inzwischen die meisten Anwender ja Windows 95 verwendeten und das sei ja sooo stabil, daß man ja eigentlich auf den Reset-Knopf verzichten könne.

Kollege J. starrt den Mann einen Augenblick lang fassungslos an und dann - ROTFL. Ein geradezu klassischer Fall!

(Falls jemand nicht wissen sollte, was 'ROTFL' bedeutet, soll er sich erstens schämen und zweitens ist es die Abkürzung für 'Rolling on the floor laughing'.)

Als Kollege J. nach drei Stunden und 27 Minuten immer noch im Zustand ROTFL ist und kaum noch Luft bekommt, ruft Frau Bezelmann den Notarzt.
Noch bevor dieser eintrifft, kommt mir die rettende Idee, dem Patienten die Installationsanleitung von Win95 laut vorzulesen. Schon nach dem ersten Absatz geht Kollege J.s lebensbedrohlicher Lachkrampf in einem ebenso lebensbedrohlichen Weinkrampf mit suizidalen Tendenzen über.
Bevor er jedoch die nächste Steckdose erreichen und sich selbst defibrillieren kann, kommen zum Glück die Sanitäter (Sanitöter?) und nehmen ihn hops.

Inzwischen hören wir, daß Kollege J. auf dem Wege der Besserung ist.
Es kam noch einmal zu einem schweren Rückfall, als die Schwester in der Aufnahmestation J.s Personalien mit einem Win95-PC erfassen wollte, der keinen Reset-Knopf hatte. Aber inzwischen geht es ihm wieder blendend.

Er liest viel; vor allem über UNIX und veraltete VMS-Manuals...

 
TEIL 33

 
TEIL 35