BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Ich sitze in meinem Büro und beobachte zähneknirschend, wie sich der Minutenzeiger auf die volle Stunde zu bewegt. Elf Uhr: Zeit für die Studienberatung. Widerstrebend lege ich den Hörer auf die Gabel zurück.

Eigentlich hätte das nicht passieren dürfen. Die anderen haben mich glatt überrumpelt. Letzte Woche beim Kaffeetrinken sagt der Kollege O.
plötzlich mit einem Seitenblick auf mich:

    "Wir müssen ja noch auswürfeln, wer dieses Semester die Studienberatung macht."
Und bevor ich noch Piep sagen, geschweige denn die Spezialwürfel aus meinem Büro holen kann, hat er schon ein paar Würfel herausgezogen.
Eine Zwei und eine Drei! Schon im ersten Durchgang glatt verloren. Die hämischen Gesichter, das schadenfrohe Grinsen, Frau Bezelmanns herabgezogene Mundwinkel! So was darf einem BAFH nicht passieren!
Wo bleibt mein schlechter Ruf?

Wäre ich Klingone, würde ich jetzt sagen, ich wäre entehrt und der Name meiner Familie in den Schmutz gezogen. Und dann würde ich mich im schalltoten Raum einsperren und mit dem Schmerzstock geisseln.

Zum Glück bin ich pragmatischer veranlagt. Zunächst lasse ich meinen speziellen Spell-Checker über sämtliche Textdateien des Kollegen O.
laufen. Während ich noch beobachte, wie unzählige Kommata ihren Platz tauschen, klingelt das Telefon.

    "Hallo", sage ich.
    "Ist dort die Studienberatung für das Fach ?" fragt eine schüchterne Stimme.
Ich bestätige, daß dem so sei, und füge mit der freien Hand noch ein paar Dutzend 'vorallem' in O.s Texte ein.
    "Ähm... also... äh... es ist so, daß... ich... ich dachte, daß... ähm... also ich weiß gar nicht, wie ich... jedenfalls wollte ich mich eigentlich erkundigen... ähm..."

Dieser Job ödet mich an!

Um die Sache abzukürzen, sage ich:

    "Sie haben gerade Ihr Abitur bestanden und möchten jetzt studieren, wissen aber nicht was. Unser Fach klingt toll, aber Sie wissen überhaupt nichts darüber. Also machen Sie sich Sorgen, ob es die richtige Entscheidung ist, die Sie jetzt treffen müssen, von wegen Berufsaussichten und so. Und dann wissen Sie ja nicht, was in so einem Studium so alles verlangt wird, und ob Sie das überhaupt schaffen können, und ob es Spaß macht. Außerdem sind Sie 18 Jahre alt, haben braune Haare und schwärmen für Pferde. Und am liebsten hätten Sie es, wenn Ihnen jemand diese Entscheidung abnehmen würde, wie es Ihre Eltern bisher immer getan haben."

Ich höre, wie am anderen Ende der Leitung jemand nach Luft schnappt.

    "Woher wissen Sie das alles?! Sind Sie Hellseher?" keucht sie.
    "Ich mache den Job schon länger", erkläre ich und pflanze ein paar der neuesten bulgarischen Viren an strategische Stellen in O.s Account.

    "Aber... aber mein Alter, meine Haarfarbe..."

Soll ich ihr jetzt auch noch erklären, was angewandte Statistik ist? Das Ganze dauert schon viel zu lange!
    "Wollen Sie nun eine Antwort oder nicht?" sage ich.
    "Wwwwworauf??"
    "Ob Sie unser Fach studieren sollen oder nicht", erkläre ich seufzend.
    "Ähm... ok."
    "Lassen Sie's", sage ich und lege auf.
Ich hasse diesen Job! Kollege O. wird seine Textdateien nicht wiedererkennen! Sicherheitshalber fahre ich einen zusätzlichen Backup- Zyklus über seinen Account, damit die Änderungen auch auf den Bändern zu finden sind.

Es klopft.
Ein junger schlaksiger Mann mit erstaunlich weit abstehenden Ohren und schmalzigem Haar betritt bewaffnet mit einer Schulmappe mein Büro. Er sei im ersten Semester und möchte sich gerne beraten lassen. Ich frage geduldig, worum es sich handele.

    "Nun, ja", sagt er unsicher, "ich verstehe nicht ganz, was ich alles als Voraussetzung zur Diplomvorprüfung haben muß."
Oh Hölle!
    "Aha", sage ich und deute einladend auf den Besuchersessel, "überhaupt kein Problem. Haben Sie was zum Schreiben mit? Gut, also als Zulassungsvoraussetzung zur ersten Diplomvorprüfung (ZVDVPI) brauchen Sie zunächst einmal natürlich den großen Hauptfachschein A1 und drei Nebenfachscheine der Klasse B, wobei Sie beachten müssen, daß jeder von den letzteren mindesten dreieinhalb Semesterwochenstunden abdecken muß. Alternativ können Sie auch eine Studienarbeit von mindestens zwei Monaten, aber nur von sogenannten fachrelevanten Fächern einbringen; das erspart Ihnen einen B5 Schein, aber nur B5, klar?
    Die Voraussetzung für die Anerkennung der Studienarbeit sind allerdings entweder fünf bestandene, d.h. mit mindestens Note 4.0 benotete Hausarbeiten im Hauptfachschein, aber nicht in borelanischer Fluidmechanik, oder die Teilnahme am BOD-Praktikum, wobei Sie nur die erste Hälfte erfolgreich absolviert haben müssen. Desweiteren brauchen Sie als ZVDVPI die erfolgreiche Abnahme in einem Klasse V Praktikum - das ist entweder den großen Verwaltungs-Management- Schein (VMS) oder das Praktikum der Programmierung, Teil 1 (PDP11) - oder sie bringen zwei Jahre Berufserfahrung aus einen früheren Leben - Verzeihung, ich meine natürlich - Studium ein. Letzteres muß aber vom FB, vom Fachbereichsrat, auf gesonderten Antrag genehmigt worden sein. Sie können sich bei einer etwaigen Ablehnung aber auch direkt an...
    Stimmt was nicht?"

    "Ich... ich glaube, ich schaue mir das nochmal in Ruhe im Vorlesungsverzeichnis an", stottert das Bürschlein.

Warte, so leicht kommst du mir nicht davon! Ich drücke ihn sanft aber entschieden auf den Stuhl zurück und fahre fort:
    "Da steht aber bei weitem nicht alles drin, was Sie wissen müssen! Passen Sie auf: statt dem vorhin erwähnten BOD-Praktikum können Sie sich auch einem BOD-Eignungstest unterziehen, nach dessen Bestehen Ihnen das Praktikum erlassen wird. Anstelle des vorgeschriebenen KI-Scheins ist es auch möglich, drei extra B3-Klassen-Scheine zu machen, sogar an anderen Hochschulen in München, wenn Sie den Schriftführer des Vordiplomprüfungsausschusses, kurz SdVDPA, überzeugen können, daß Sie ein Härtefall der Stufe drei sind. Um als Härtefall anerkannt zu werden, genügt ein einfaches, formloses Schreiben an das KuMi, zu deutsch Kultusministerium, und zwar an den Sachbearbeiter Grötzenweiler. Grötzenweiler, auch Gröwei genannt, ist seit Jahren bekannt dafür, daß er die zugrunde liegenden Fakten in den an ihn gerichteten Gesuchen nicht nachprüft. Schreiben Sie also getrost, daß Sie seit zwei Jahren debil sind; das genügt normalerweise für einen Härtefall der Stufe drei. Andererseits könnte es für Sie auch von Vorteil sein, wenn Sie die SSL (Sonder-Studium-Laufbahn) einschlagen wollen. Aber für eine SSL brauchen Sie mindesten einen Monat Vorlaufzeit, weil die Sekretärin im Dekanat diese Anträge immer ganz unten einordnet (sie verwechselt SSL immer mit 'sichtbarer Slip-Linie'). Ein dezenter Blumenstrauß kann da Wunder wirken, wenn Sie es geschickt anstellen.
    Das alles müssen Sie unbedingt im Hinterkopf behalten, wenn Sie Ihr erstes PC-Gespräch haben. Wer ist eigentlich Ihr PC?"
    "Wwwwas?"
    "Ihr 'Persönlicher Coordinationstutor' natürlich."
    "Ich... ich weiß nicht... ich glaube, ich habe gar keinen..."
Ich ziehe die Augenbrauen hinauf, soweit ich kann.
    "Kein PC-Gespräch bisher? Hm, sagen Sie jetzt nicht, daß Sie gar nicht studieren, sondern ?"
Der Bursche schluckt und nickt angestrengt. Beim Schlucken wackeln seine knallroten Ohren.
    "Ach so", sage ich und lehne mich weit zurück, "warum haben Sie das nicht gleich gesagt. Dann schaut die Sache wieder ganz anders aus. Passen Sie auf..."
Aber der Student ist schon auf dem Weg zur Türe.
    "Ich... ich glaube, ich muß mir das mit dem Studium nochmal genau überlegen..."
Ich nicke ernsthaft mit dem Kopf.
    "Tun Sie das! Nur nichts überstürzen! Und wenn Sie noch irgendwelche Detailfragen zum ZVDVPI haben oder einen PC brauchen, dann wenden Sie sich vertrauensvoll wieder an mich..."
Der Bursche wird schlagartig grün im Gesicht und stürzt hinaus - in Richtung Toilette. Soweit ich das hören kann, schafft er es nicht mehr rechtzeitig.

'BOD' steht übrigens für 'Blöd oder Doof'.

Anmerkung der Redaktion:
Falls Sie meinen, in obig geschilderter Situation eigene oder aus dritter Hand berichtete tatsächlich ereignete Erlebnisse wiederzuerkennen oder glauben, daß Sie einen ziemlich ähnlichen Text in Ihrer Studienordnung gelesen haben, so ist das vom Autor beabsichtigt und eventuell sollten Sie mal mit Ihrer Mutter darüber reden (oder auch nicht!).

 
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