BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Ich frisiere gerade die Ergebnisse der Zwischenprüfung, damit die Punkteverteilung exakt einer Gaußglocke gleicht, als das Telefon läutet.
Ich sitze außer Reichweite, also überdenke ich zuerst gründlich, ob es sich lohnt aufzustehen und abzuheben.
Wahrscheinlich nicht.
Nach meiner privaten Statistik bedeutet ein läutendes Telefon in den seltensten Fällen etwas Gutes. Genauer gesagt, handelt es sich in 93% aller Fälle um Jemanden, der irgendetwas von einem will. 5% haben sich verwählt, 1.93% wollen nur wissen, ob man noch lebt und bei der Arbeit ist, und nur läppische 0.07% sind WIRKLICH gute Nachrichten - Lottogewinne zum Beispiel.
Extrapoliert man diese Statistik, führt das zur zwingenden Schlußfolgerung, daß es sich nur alle 1420mal WIRKLICH lohnt, ans Telefon zu gehen. Wissenschaft ist doch etwas Wundervolles, nicht?
Es bleibt nur noch das Problem herauszufinden, wann die statistischen Ausreißer passieren, wann man also WIRKLICH rangehen sollte. Bis jetzt konnte ich keinerlei Korrelationen feststellen. Leider.

Inzwischen hat der Anrufer aufgegeben und die schwierige Entscheidung hat sich erledigt.

Fünf Minuten später läutet es wieder. Ich stehe seufzend auf und hebe ab.

    "Hallo", sage ich.
Niemand antwortet. Das habe ich gern! Ich will gerade auflegen, als ein kreischendes Quietschen mein Trommelfell zerreißt. Ein Faxgerät!
Schon wieder!
Ich lege den Hörer auf den Tisch und renne rüber ins Sekretariat. Die Sekretärinnen sind, wie üblich, nicht da. Ich reiße die Stecker des Faxgeräts heraus - dabei werden zwar alle gespeicherten Daten gelöscht, aber ist es vielleicht meine Schuld, daß wir so ein veraltetes Gerät haben? - und renne mit dem Gerät unterm Arm zurück in mein Büro. Dort tausche ich rasch mein Telefon gegen das Fax und warte gespannt.

Seit ein paar Wochen schon terrorisiert irgendjemand den BAFH mit sinnlosen periodischen Faxanrufen. Wahrscheinlich hat der hirnlose Typ sein Faxgerät mit falschen Nummern gefüttert und ist zu blöd zu merken, daß sich das Fax nicht senden läßt. Und sein ebenso blödes Faxgerät versucht es alle fünf Minuten aufs Neue - bis ich vor Wut die Wände hochgehe.

Jetzt! Es läutet wieder. Mein Fax spuckt das erste Blatt aus. Oben in der Kopfzeile ist die Faxnummer des Absenders angegeben. Perfekt!

Ich besorge mir vier dunkelblaue Tonpapiere und klebe sie zu einem langen Band zusammen. Dann füttere ich das dunkle Papierband in mein Fax und wähle die Faxnummer des Hirnlosen. Als das Papier auf der anderen Seite herauskommt, klebe ich es mit Tesaband am Ende fest, so daß eine geschlossene Schleife entsteht. Dann hole ich mir einen Kaffee, setze mich gemütlich hin und beobachte zufrieden, wie nach und nach mehrere Kilometer schwarzes Papier übertragen werden. Das wird ihnen eine Lehre sein!

Während die Telekom und Faxpapierindustrie noch glänzende Geschäfte machen, wende ich wieder meiner eigentlichen Aufgabe heute zu. Die Notenverteilung schaut immer noch nicht nach Gauß aus.
Besonders bei 1.0 und 1.3 sind noch zwei statistische Ausreißer. Ich vervollständige die Korrekturen meiner Kollegen mit einigen weiteren schwungvollen roten Haken und Strichen und korrigiere die Punktzahlen nach unten. Auf diese Weise verlagern sich die statistischen Ausreißer irgendwo in die Nähe des Mittelwerts bei 3.7.
Zufrieden betrachte ich den Plot. Saubere Arbeit. Der Chef wird sich freuen. Der Chef freut sich immer über hübsche Graphiken. Um die Sache ganz deutlich zu machen, plotte ich in roter Frabe eine echte Gaußglocke über die Verteilung und mit dunkelblau die Grenze zwischen 'Durchgefallen' und 'Bestanden'. Seeeehr schön!

Inzwischen wurde die Faxverbindung dreimal unterbrochen - wahrscheinlich hat der Empfänger aus Verzweiflung den Strom ausgeschaltet - und ich habe ihn dreimal erneut angewählt. Nach meiner Rechnung ist mindestens eine Rolle Faxpapier bereits schwarz. Also lasse ich Gnade vor Recht ergehen und bringe das Faxgerät zurück ins Sekretariat.

Die Sekretärinnen sind mittlererweile wieder zurück und bejammern lauthals den Verlust ihres Faxgeräts. Als ich es nonchalant auf den Tisch fallen lasse, starren mich beide fassungslos an. Ich starre ohne zu blinzeln zurück, bis beide wegschauen müssen. Die Ausgabe für die gelb gefärbten Kontaktlinsen mit den senkrechten Pupillenschlitzen hat sich gelohnt. Keine wagt etwas zu sagen. Sie wissen, daß sie gegen den BAFH keine Chance haben!

Beschwingt schlendere ich in mein Büro zurück. Unterwegs begegnet mir eine reichlich aufgedonnerte Lady mit Schoßhund, Typ indische Strandratte, auf dem Arm und geschwungener, mit Glitzersteinen besetzter Schmetterlingsbrille. Sie reckt sich immer kurzsichtig zu dem Namensschild neben einer Bürotür, bevor sie kopfschüttelnd zum nächsten trippelt.

    "Ach, entschuldigen Sie", sagt sie schmeichelnd zu mir, als ich sie höflich vorbeilassen will.
Die Strandratte wittert in meine Richtung, dann knurrt sie leise und drohend. Hunde haben eben einen guten Instinkt, das muß man ihnen lassen - auch wenn ich persönlich aus irgendwelchen Gründen Katzen vorziehe. Besonders schwarze.
    "Ja?" sage ich, ganz Gentleman, und deute eine leichte Verbeugung an.
    "Können Sie mir wohl sagen, wo ich das Zimmer von Herrn Dr.
    Oberschlau finde?" fragt sie und lächelt mich mit zwei Pfund Lippenstift vertrauensvoll an.
Ich gucke auf die Strandratte in ihrem Arm. Die versucht, sich in der Armbeuge zu verstecken, und beginnt leise zu winseln.
    "Aber natürlich", sage ich. "Herr Dr. Oberschlau. Sie sind schon auf dem richtigen Wege. Sie gehen noch bis zum Ende dieses Flurs, dann rechts ein paar Stufen hinunter und durch die erste linke Türe. Klopfen Sie lieber nicht an. Herr Dr. Oberschlau ist leider schon etwas schwerhörig. Haha. Er ist gewohnt, daß jeder einfach zu ihm hereinkommt."
Die Lady bedankt sich strahlend und stöckelt in der angegebenen Richtung davon.

Ich warte und überlege. Habe ich jetzt 'linke' oder 'rechte' Türe gesagt? Man kann sich so leicht vertun! Links, gegenüber von Oberschlau, residiert nämlich der Hausmeister und der besitzt eine ziemlich unangenehme...

Aufruhr am Ende des Flures! Das tiefe kehlige Bellen der bissigen Hausmeisterdogge erschüttert die umliegenden Flure. Dazwischen hört man schwach die verzweifelten Hilferufe der aufgedonnerten Tussi und das quietschende Jaulen der Strandratte.

Was bin ich nur für ein Schussel!

 
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