BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Das Telefon klingelt. Schon wieder! Das ist jetzt das dritte Mal dieses Jahr!

Ausnahmsweise gehe ich ran. Ein User, genauer gesagt eine Userin, ist dran.
"Ähm... meine Workstation gibt komische Töne von sich", sagt sie.
Ich kenne die Stimme nicht. Offensichtlich ein Frischling.
"Tatsächlich", sage ich beeindruckt. "Was denn für Töne? Singt sie klingonische Opern?"
"Nein, nein. Es ist eher so ein... ein tiefes Rumpeln vermischt mit einem unregelmäßigen Leiern..."
Meiner Meinung nach klingt das ziemlich nach klingonischer Oper!
Ich frage nach dem Host-Namen und sie sagt ihn mir. Ein ziemlich frischer Frischling!

"Aha", sage ich. "Tiefes Rumpeln, meinen Sie? Schaut mir ganz nach einem leichten Virenbefall aus. Lassen Sie denn regelmäßig Viren- Checker drüberlaufen? Zum Beispiel 'Sagrotan', 'Cebion' oder 'Domestos III'."
"Äh... nein. Nicht daß ich wüßte..."
"Vorbeugen ist sehr wichtig", sage ich ernst. "Schauen wir mal, wie es mit dem Immunsysten steht. Geben Sie man den Befehl 'immun- system' ein."
"Ähm... 'immun-system not found' meldet er..."
"Not found? Steht da wirklich 'not found'?" Ich lasse meine Stimme dramatisch ansteigen. "Das sieht ja ganz übel aus. Warum haben Sie nicht schon vorher angerufen..."
"Ist das was Ernstes?" flüstert sie eingeschüchtert.
"Ernstes? Hoffen wir, daß es noch nicht zu spät ist. Halten Sie mal den Telefonhörer ganz dicht ans Gehäuse, damit ich eine hypostatisch- akustische Ferndiagnose durchführen kann."
"Ähm... ok", nuschelt sie und es raschelt im Hörer. "Äh... das Telefon reicht nicht bis zum Rechner..."
"Dann sollten Sie den Rechner eben zum Telefon bringen", sage ich.
Daß die Leute auch über keinen Funken logisches Denken verfügen!
"Aber... muß ich dazu nicht vorher ausschalten?"
"NEIN! Wissen Sie nicht, daß man vernetzte Rechner niemals einfach ausschalten darf?! Das ganze homophone Accelerator-Cluster kann desharmonisiert und retrogradient sub-stabil werden - und dann haben wir den Salat!"
"Oh!..."

IMPRESSION MODE ON

"... ok, dann trage ich die Workstation jetzt hierher", sagt sie eingeschüchtert.

Ich starte rasch ein paar rechenintensive Jobs auf ihrem Host, die ständig auf die Platte zugreifen, in der Hoffnung, daß die Platte beim Rübertragen crashed. Aber leider sind die Platten auch nicht mehr das,was sie früher einmal waren: vor noch ein paar Jahren brauchte man so ein Winchester-Laufwerk nur schief anblicken und schon...
zupf!

"Hallo?", meldet sie sich wieder. "Da sind so komische gelbe Kabel hinten festgemacht. Die reichen nicht bis zum Telefon...."
"Das ist nur das Ethernet. Ziehen Sie sie einfach ab", sage ich. "Und alle anderen Kabel können Sie auch gleich abziehen. Aber passen Sie auf, daß das Stromkabel drin bleibt! Wir wollen doch nicht, daß Ihre Maschine abstürzt!"

Sie macht es! Ehrlich, manchmal frage ich mich, was Eltern ihren Sprößlingen eigentlich 18 Jahre lang beibringen!

"Der Schirm ist plötzlich dunkel geworden..."
"Das macht nichts", erläutere ich. "Außerdem erleichtert das die hypostatisch-akustische Ferndiagnose, wenn der Schirm nicht mehr stört. Kommt der Hörer jetzt bis ans Gehäuse? Gut. Jetzt halten Sie die Sprechmuschel etwa drei Zentimeter unterhalb der Lüfteröffnung auf der Rückseite fest ans Gehäuse und dann warten Sie, bis es piepst."
"Piepst?"
"Genau."

Sie macht es!!!
Ich lege den brummenden Hörer beiseite und gehe erstmal hinunter in die Cafete.

Eine Stunde später - die Cafete macht leider schon um fünf Uhr zu - nehme ich den Hörer wieder zur Hand sage laut "Piep!".
"Ok", sage ich. "Jetzt ist alles klar!"
Die Userin jammert über Rückenschmerzen und Krämpfe im Unterarm.
"Dafür wissen wir jetzt genau, was Ihrer Maschine fehlt", sage ich tröstend.
"Und? Was ist kaputt?", will sie erschöpft wissen.
"Ja, hmm", sage ich zögernd und klappere mit der Tastatur, "ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll... Also, die genaue Diagnose heißt:
Plattenunwucht infolge sub-akuter MMDHS. Ziemlich selten, muß ich sagen."
Ich warte geduldig auf die nächste Frage.
"Und... und was ist MMDHS?"
"MMDHS steht für 'Mensch-Maschine-DisHarmonie-Syndrom'.
Sagen Sie - jetzt mal ehrlich! - haben Sie Ihre Workstation in letzter Zeit irgendwie... hmm... ja, mit negativen Ausdrücken bedacht?"
"Nein, bestimmt nicht!"
"GANZ SICHER NICHT? Auch keine herabmindernden Ausdrücke?
'Blöde Blechschachtel', 'Sch... Kiste', 'Ziffern-Trottel', 'Verkalkte Rechenmühle', 'Lahme CPU'? Nichts von alledem? 'Transistor-Grab', 'Kybernetische Schnecke', 'Rostiges Rechenwerk'. Das ist nichts, worüber Sie sich schämen müßten; das kommt in den besten Beziehungen vor. Besser Sie sagen es mir gleich, dann ist die Behandlung hinterher sehr viel einfacher..."
Am anderen Ende der Leitung schluchzt es leise.
"NAAA?"
"Letzte Woche habe ich sie mal - aber nur einmal - 'Debiler Rechenschieber' genannt", schnieft sie reumütig durchs Telefon.
"Tststs. 'Rechenschieber' für eine 200 Megahertz Alpha, das ist natürlich hammerhart", sage ich.
"Wir hatten bisher ein so gutes Verhältnis miteinander", heult sie.
"Nanana", beruhige ich, "das kriegen wir schon wieder hin. Ich lösche einfach in sämtlichen Dateien den Begriff Rechenschieber, ok? Jetzt müssen Sie die Maschine nur noch an ihren Platz zurücktragen und die Kabel genau in der umgekehrten Reihenfolge wieder einstecken..."
"Aber... die weiß ich nicht mehr..."
"Schlecht, sehr schlecht", sage ich sorgenvoll, "dann wird sie Ihnen wahrscheinlich abstürzen. Hoffentlich wird kein traumatisches Erlebnis daraus. Denken Sie bitte in Zukunft immer daran, beim Booten die Hand aufs Gehäuse zu legen. Das MMDHS baut sich durch statische Elektrizität auf und der Hautkontakt hilft, solche Spannungen abzuleiten."
Sie verspricht es schniefend und legt auf.

Eigentlich sollte ich Honorare verlangen für meine Rechnerseelsorge...

 
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