BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

 nächstes
TEIL 43

T e i l       44

 
TEIL 45

 

B.A.f.H.
    44
Mißgelaunt reiße ich eine neue Cleenex-Packung auf. Mein Riechkolben ist schon so wund, daß er im Dunkeln rot leuchtet. In meinem Kopf pocht es im Morsetakt, die Augen wassern, die Ohren sausen und jeder neue Hustenanfall befördert tonnenweise grüngrauen, flockigen Schleim aus meinen strapazierten Lungen.

Mit anderen Worten: Der BAfH hat Grippe!

Die Mitarbeiter umstehen mich mit besorgter Miene.
Der Chef schaut mich an und sagt, ich solle mich schonen.
Frau Bezelmann schaut mich an, zieht die Mundwinkel nach unten und fragt mit blitzenden Augengläsern, ob ich einen selbstgebrauten Spezialtee von ihr annehmen wolle. Nein, danke!
Marianne schaut mich an und erklärt kategorisch, ich gehöre ins Bett und nicht ins Büro. Sie zieht erst ab, als ich mich erkundige, ob das ein ernsthaftes Angebot sei.

Schließlich sind alle weg, und ich kann mich endlich in Ruhe meinen wissenschaftlichen, keimgeschwängerten Experimenten widmen.

Zuerst messe ich eine Stunde lang sorgfältig den Abstand zwischen zwei Niesern mit der Stopuhr. Ich stelle fest, daß ich im Mittel fünfzehn Sekunden früher wieder niesen muß, wenn ich mich nicht sofort nach dem ersten Nieser, sondern nur nach jedem fünften schneuze. Zwar läuft mir der Rotz ab dem dritten Nieser aus dem Zinken, aber andererseits spare ich auf diese Weise Cleenex-Tücher - und nicht zu knapp! Eine kurze Hochrechnung sagt mir, daß, wenn alle Einwohner Deutschlands so volkswirtschaftlich handeln würden wie ich, durch die eingesparten Cleenex-Tücher siebendreiviertel Durchschnittsrentner (eine von Blüms neuen Erfindungen) ein ganzes Jahr lang finanziert werden könnten. Ich drucke die Rechnung aus und schicke sie ans Bundesarbeitsministerium.

Danach fühle ich mich wohler. Fast will es mir scheinen, als ob ich mir ein wenig Bewegung verschaffen sollte. Ich gehe hinüber in den Versuchsraum 3 und hole eine der großen Spiegelscheiben in mein Büro, wo ich sie sorgfältig gegen die Wand lehne. Dann male ich mit einem (nicht-wasserlöslichen) Folienstift konzentrische Kreis auf den Spiegel und nehme in drei Meter Entfernung Aufstellung.
Eine Stunde später - nach 88 Niesversuchen - treffe ich fast immer in die inneren drei Ringe!

Nach meiner Stopuhr stehe ich kurz vor den dritten Nieser seit dem letzten Schneuzen. Rasch gehe ich hinüber ins Büro des Kollegen O.
"Hallo!" sage ich. "Ich bräuchte .... Hah ... HAAAAAH BROSCH!!!"
Das Timing war absolute Spitze! Winzige Tröpfchen landen zielsicher auf O.s Bildschirm, ein paar auch auf seiner Brille. Naja, auf die Entfernung ist die Streuung natürlich größer.
"Gesundheit", meint O. säuerlich.
"Danke! Ich wollte nur gerade sagen, daß... Hah... HAAH..."
O. reicht mir blitzartig ein Tempotaschentuch, das er zufällig auf dem Tisch liegen hat. In meiner Schwäche greife ich ins Leere und das Tüchlein fällt zu Boden. O. bückt sich danach...
"... HAAAAAH BROSCH!!!"
Genau in O.s Nacken!
Kollege O. meint, ich solle doch lieber nach Hause gehen, ich sei doch bestimmt virulent und ich würde noch alle hier anstecken. Ich starre ihn aus tränenden Augen an wie ein Bernhardinerhund und sage:
"Sie beinen, das gönnde ansdeggend dein?!"

Kollege O. hat mich an etwas erinnert. Von wegen 'virulent'. Da war doch irgendwo von einem neuen bulgarischen Virus namens 'Sniffoo' die Rede. Ich wühle hustend in meinen Dateien, bis ich fündig werde.
Nachdem ich den Virus sicher auf eine Diskette gepackt habe, gehe ich hinüber ins PC-Labor. Auf dem Weg dorthin packt mich ein erneuter schwerer Hustenanfall, gerade als ich an zwei Blaumännern von der Haustechnik vorbeikomme, die die Neonröhren auswechseln, die ich letztes Wochenende mit dem UV-Laser aus dem Physikpraktikum angebohrt habe.
Der Hustenanfall schüttelt mich dermaßen, daß ich mich nicht mehr auf den Beinen halten kann. Instinktiv greife ich haltsuchend um mich und erwische ausgerechnet die Gesäßtasche des Blaumanns, der, auf seiner Trittleiter balancierend, gerade eine neue Leuchtstoffröhre einsetzen will. Das erweist sich als unglücklich; ich hätte lieber nach der Leiter greifen sollen. Aber wenn man schier blind ist vor würgendem Husten...
Ein Ruck - und ich falle, trotzdem ich mich mit aller Macht festklammere. Eine Gruppe Studentinnen hinter mir kreischt erfreut auf.
Der Blaumann fühlt die plötzliche Kühle um seine Lenden und greift instinktiv nach seinen rutschenden Blaubeinkleidern. Dummerweise vergißt er dabei seiner ersten Pflicht, nämlich der Leuchstoffröhre. Mit traumwandlerischer Sicherheit fang ich die stürzende Röhre mit der linken Hand auf. Aber im letzten Moment entglitscht mir das glatte Ding wieder, segelt weiter und fällt ausgerechnet auf einen Karton mit zwölf frischen Röhren der abseits am Boden liegt. Es gibt ein schwaches Geräusch, das entfernt an gläserne Glöckchen am festlich geschmückten Christbaum erinnert.

Pech. Kann man wirklich sagen. Großes Pech!

Die Haustechnik tobt. Aber ich bin viel zu angeschlagen, daß mich so etwas heute noch aufregen könnte.

Im PC-Labor schleppe ich mich von Rechner zu Rechner, murmele schniefend etwas von:
"... Wedriebsisdemgondrolle..." und schiebe überall kurz die virulente Disk in den Schlitz. Dabei gelingt es mir, mit zehn Niesern noch sieben Displays zu treffen, bevor ich meine Runde beende.

Kaum etwas ist heilsamer bei Erkältungen als Inhalieren. Also hole ich Frau Bezelmanns Espresso-Maschine und lasse den Dampfhahn dauerzischen, während ich fleissig mit Odol versetztes Wasser nachgieße. Kurz darauf ist mein Büro in dichte Dampfschwaden gehüllt und die Displays beschlagen sich.
Thermodynamik hat mich schon immer fasziniert. Interessiert beobachte ich, wie auch an den Fensterscheiben, an den Möbelflächen, ja sogar auf dem glatten Linoleumboden auf dem Flur Wasser kondensiert.

Ein UPS-Mann in kackbrauner Uniform eilt mit einem mittelgroßen Paket, auf dem 'Vorsicht Glas!' steht, an meiner Bürotüre vorbei, gleitet aus und knallt auf den Boden. Wieder ist das anheimelnde Bimmeln der Weihnachtglöckchen zu hören. Diesmal allerdings nur ganz schwach, durch die Verpackung gedämpft. Der UPS-Mann flucht gotteserbärmlich und hofft, daß niemand das Klingeln gehört hat und daß er schon wieder in seinem lächerlichen kackbraunen Wagen sitzt, bevor jemand auf die Idee kommt, das verdammte Paket zu öffnen. So hat halt jeder von uns seine Probleme!
Ich rufe kurz bei Frau Bezelmann an und weise daraufhin, daß alle Paketlieferungen immer SOFORT geöffnet werden müssen.

Plötzlich jaulen draußen auf dem Gang die Feuersirenen los. Das ist sogar mir neu: Die Feuermelder reagieren nicht nur auf Rauch, sondern auf auch Dampf! Während es noch bimmelt und ich mich für den Nachhauseweg anziehe, nehme ich mir vor, diese neue wissenschaftliche Erkenntnis für die zukünftige Experimente in der Tiefgarage auszunutzen.

Im Treppenhaus begegnet mir die Feuerwehrvorhut, zwei Stufen auf einmal nehmend und mit allen möglichen Spritzen, Helmen und Äxten bewaffnet. Ich zeige ihnen höflich den Weg und weise ausdrücklich daraufhin, daß der Boden im Flur schlüpfrig sein könnte.

Kurz darauf höre ich es scheppern. Warum hört mir eigentlich keiner zu?

Plimmelplimplomplom

NEU: DIE BAfH FRUEHJAHRSDIAET VIROL2000

Jetzt schlank und fit machen für das neue Jahrtausend! Mit der neuen Diät Virol2000 aus dem Hause BAfH!
Ganze 5 (in Worten: fünf) Kilo weniger in nur einer Woche.
Garantiert!
Und ohne jegliche Anstrengung oder Hungergefühle.

Die Durchführung der neuen BAfH-Diät ist denkbar einfach: Sie füllen das gelieferte Virensubstrat in den handlichen kleinen Zerstäuber (im Preis inbegriffen!), zerstäuben die klare angenehm duftende Flüssigkeit großzügig in der Luft und inhalieren.
Wir garantieren, daß Sie bereits am nächsten Tag mit hohem auszehrendem Fieber für eine Woche im Bett liegen. Absolute Appetitlosigkeit garantiert! Nach nur einer Woche, wenn das Fieber abgeklungen ist, stehen Sie auf Ihrer Waage und werden staunen: 5 Kilo weniger garantiert, meistens noch mehr!

Vergessen Sie alle Appetitzügler und Hungerdiäten! Der einzige Weg zu einer schlankeren Figur führt über die neue BAfH-Diät Virol2000!

Plomplom

Copyright © Florian Schiel 1997

 
TEIL 43

 
TEIL 45