BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

 nächstes
TEIL 46

T e i l       47

 
TEIL 48

 

B.A.f.H.
    47

Die Tür wird ohne Vorwarnung aufgerissen, und ich haue reflexartig auf den Chef-Knopf.
"... und ähm... hier... äh... arbeitet unser Herr Leisch... hm... ja, äh..."
Der Chef schiebt eine fesche junge Frau in knackigen Designer-Jeans und siebzehn Zentimeter hohen Plateau-Tretern in mein Büro und strahlt mich an.

ROTER ALARM

Wenn der Chef plötzlich von 'unserem Leisch' redet und so strahlt wie eine 500-Watt-Birne, will er normalerweise einen lästigen Besucher an mich loswerden!

"... äh... darf ich... hmm... vorstellen? Das hier... ähm... ist... ist...
hmm... Frau... hmm... Frau..."
"Treugott", ergänzt die junge Dame kühl.
"... Treugott - natürlich! Vom... äh... 'Cosmic Radio'. Und das ist Herr...hm... Leisch. Er wird Sie... hmm... also, er kann Ihnen alles über das... das SCHWAFEL-Projekt sagen... hmm... ja. Also, wir...
äh... vielleicht später noch... bin leider sehr, sehr... äh...
beschäftigt..."
Der Chef windet sich aus der Tür und macht sie hinter sich zu.

Eine Presse-Mieze! Erst letzte Woche hat so ein Schmierfink in einer großen süddeutschen Tageszeitung darüber gelästert, daß der durchschnittliche IQ des Universitätspersonals deutlich unter dem Durchschnitts-IQ im Pressewesen läge!

Wir taxieren uns mißtrauisch, wie zwei koreanische Kragenkrokodile, die sich unvermutet in einer New Yorker Kellerbar über den Weg laufen.
Man muß zugeben, die Reporterin schaut nicht schlecht aus; sie trägt ein kleines modernes Aufnahmegerät über der Schulter und hält ein schwarzes Mikrophon in der linken Hand. Ihre kühlen dunklen Augen versuchen herauszufinden, ob ich für ihre Story wichtig genug bin, oder ob sie jetzt wieder einmal nur an den Fuzzy vom Dienst abgeschoben wurde.

Ich biete höflich meinen Besuchersessel an, und sie hält mir sofort das schwarze Mikro unter die Nase.
"Was bedeutet eigentlich SCHWAFEL?" ist ihre einleitende Frage.
"SCHWAFEL ist die Abkürzung für 'Self Constructing Hyper Wavelet Algorithms For Extrapolating Linguistics'", erläutere ich.
"Und was bedeutet das?"
Ich werfe ihr einen langen scharfen Blick zu. Sie wird eine Schattierung dunkler unter dem perfekten Makeup.
"Sie wissen aber doch sicher, was ein 'Wavelet' ist, oder?" sage ich leutselig.
"Na ja, ich..."
"Genau: 'Wavelet' ist der englische Ausdruck für 'Waffeleisen'.
Letztendlich geht es also im SCHWAFEL-Projekt darum, ein selbstorganisierendes Waffeleisen zu simulieren, das seine Waffelmuster auf die linguistischen Fähigkeiten des Benutzers extrapoliert..."
Die Reporterin des 'Cosmic Radio' starrt mich eine Sekunde lang unsicher an; das Mikro schwankt unentschlossen unter meiner Nase hin und her. Dann flüchtet sie sich entschlossen in eine bewährte Phrase:
"Können Sie das für unsere Hörer noch einmal in ganz einfachen Worten erklären?"
"Aber selbstverständlich", sage ich milde, "also: ein herkömmliches Waffeleisen produziert doch immer das gleiche Muster, nicht wahr?
Und wenn nun in diesem Muster ein linguistischer Term vorkommt, z.B. ein Spruch oder ein Gedicht, dann ist das doch immer derselbe Term auf jeder Waffel, verstehen Sie? Immer und immer wieder der derselbe. Gut. Aber wollen wir das? Können wir uns das in unserer modernen multi-medialen Gesellschaft noch leisten? Ein Waffeleisen, das jahraus, jahrein denselben Spruch auf seine Waffeln prägt? Und was, wenn das Eisen den Benutzer wechselt? Vielleicht steht der neue Benutzer nicht auf Goethe oder Byron. Und dann muß der arme Kerl den Rest seines Lebens mit Waffeln leben, die Aufschriften tragen, mit denen er nichts anfangen kann."
"Aber..."
"Mit SCHWAFEL wird es das nicht mehr geben. Das 'Wavelet', also das Waffeleisen, wird sich automatisch an das intellektuelle und linguistische Niveau des Benutzers anpassen. Die Bandbreite geht von Perry Rhodan bis James Joice..."

Die Reporterin holt tief Luft:
"Wollen Sie allen Ernstes sagen, daß ein Forschungsprojekt, das mit 10 Millionen pro Jahr finanziert wird, ein Waffeleisen entwickelt?!"
"Mein liebe Frau Treulos..."
"Treugott!"
"... natürlich! Entschuldigen Sie vielmals. Erstens handelt es sich nicht um ein einfaches Waffeleisen, sondern um die Simulation eines selbstorganisierenden Waffeleisens - was ein großer Unterschied ist - und außerdem vergessen Sie die Spin-Offs."
"Spin-Offs?"
"Natürlich! Wie beim Apollo-Programm, nicht wahr? Microchips, Superkleber, neue Isolationsmaterialien, die ganze Computerrevolution - das waren alles Spin-Offs vom Apollo-Programm der sechziger Jahre. Sie sehen also, es kommt gar nicht darauf an, ob wir ein Waffeleisen oder ein Fußmassagegerät entwickeln - entscheidend sind nur die Spin-Offs!"
"Und worin bestehen die bei SCHWAFEL?" will sie hartnäckig wissen.
"Das ist so im Einzelnen nicht vorhersehbar. Aber es wird auf jeden Fall fundamentale Auswirkungen auf Nähmaschinen, Spritzgebäckapparate und Stickmusterautomaten geben. Sie sehen also, daß die Implikationen des Projekts SCHWAFEL enorm sein werden."
"Aber..."
"Entschuldigen Sie, Frau Treuhand..."
"Treugott!!"
"... äh, ja. Könnten Sie mit diesem Dings, diesem Mikro, nicht etwas mehr Abstand halten? Es macht mich nervös, wenn etwas unter meiner Nase herumschwingt..."
Die rasende Reporterin des 'Cosmic Radio' schaut auf ihr kleines Aufnahmegerät.
"Tut mir leid, aber die Batterien sind fast alle; ich bekomme kaum noch eine anständige Aussteuerung..."
"Batterien? Aber das ist doch gar kein Problem! Moment mal..."
Ich schnappe mir ihr Gerät und springe 'rüber ins Physik-Praktikum, wo die Frischlinge sich mit dem altersschwachen Zyklotron abmühen.
Ich lege das Gerät in den Beschleunigerspalt und sage den Studenten, daß sie weitermachen sollen, aber sie sollen den Beschleuniger mal kurz auf Warp 9 stellen. Und zwar ein bißchen flotty!
Während das Ding von starken Magnetfeldern und Elektronen durchsiebt wird, suche ich nach einer neuen Batterie. Dann ziehe ich noch schnell den Mikrostecker ab und tauche die Kontakte in schnell trocknenden Isolierlack.

"So. Alles erledigt", sage ich fröhlich und gebe ihr das Aufnahmegerät zurück, "jetzt läuft es wieder wie eine 1."
"Komisch. Es ist ja ganz warm?" wundert sie sich.
"Wahrscheinlich, weil ich es die ganze Zeit in der Hand gehalten habe.
Wo waren wir stehengeblieben?"
"Können Sie mir den Prototypen von SCHWAFEL einmal vorführen?"
Ich tue so, als ob ich zögerte.
"Nun ja. Eigentlich ist er ja erst in der Entwicklung, befindet sich sozusagen noch im Embryonalzustand. Aber gut, was soll's!"
Ich rufe einen Bildschirmschoner auf, der eine Mandelbrotmenge in Form von klassischen Apfelmännchen auf den Schirm zeichnet.
"Sehen Sie, Frau Treubruch, hier entwickelt sich gerade das sogenannte Embryo-Wavelet. Sie können sehen, wie es langsam immer größer wird. Seine Fähigkeiten werden sozusagen von Sekunde zu Sekunde komplexer und passen sich unseren linguistischen Fähigkeiten an. Natürlich ist das nur eine Simulation der symbolverarbeitenden Fähigkeiten des Waffeleisens, nicht das Waffeleisen selber..."
"Treugott", sagt sie nachdenklich und starrt auf das farbige Apfelmännchen.
"Wie? Ach so, ja. Verzeihung. Mein Namensgedächtnis..."

Sie ist so fasziniert, daß sie vergißt, auf die Aussteuerungsanzeige ihres Recorders zu achten. Da rührt sich nämlich schon lange nichts mehr!
"Und wie", fragt sie, "wie äußern sich jetzt die linguistischen Fähigkeiten des... dieses Wavelets?"
"Passen Sie auf!"
Ich drücke Ctrl-C und der Bildschirmschoner bricht mit der üblichen Fehlermeldung ab.
"...'Error: broken pipe'... ", liest sie verblüfft vom Bildschirm ab.
"Aber was soll denn das heißen?"
Ich zucke mit den Achseln.
"Nun, ja. Wie gesagt - ein Embryo. Wir sind mit unseren Forschungen ja auch erst ganz am Anfang..."

Endlich zieht Frau Treudoof zufrieden und mit einem halben Kilometer leerem Tonband im Kasten ab, und ich kann mich endlich wieder der heutigen Usermail widmen.
Manchmal frage ich mich, wie man an diesem LEERstuhl vernünftig wissenschaftlich arbeiten soll, wenn man ständig solche Leute hereinläßt...

 
TEIL 46

 
TEIL 48