BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Ich erledige die Post auf meine übliche Weise: Nach kurzem Durchblättern und nachdem ich sicher bin, daß wirklich kein Scheck dabei ist, lasse ich den ganzen Packen locker in den Reißwolf fallen.
WIRKLICH wichtige Post kommt sowieso nach zwei Wochen noch einmal, mit dem roten Vermerk DRINGEND, oder so ähnlich. Wozu also sich selbst die Mühe machen herauszufinden, was wichtig ist?
Es ist essentiell, sich immer nur auf das Wesentliche zu beschränken, sage ich immer zu meinen Studenten. Sic est!

In meiner Mailbox finde ich drei Beschwerden von Studenten, daß im PC-Labor ein Virus sein Unwesen treibe. Zur Abwechslung mal eine erfreuliche Nachricht aus dem PC-Labor! Seit Leonardo da Vinci hatten wir gar keinen Spaß mehr gehabt.

Wahrscheinlich hat die schwarze Game-Diskette, die letzte Woche plötzlich auf meinem Schreibtisch lag, doch ein Viruslein drauf gehabt.
Ab und zu schicken die Kollegen aus dem fünften H-Kreis mir solche Spielsachen zum Testen. Komisch nur, daß diesmal kein Kommentar dabei war.

Ich hatte die Diskette stante pede ins PC-Labor hinübergelegt. Eine todsichere Methode um herauszufinden, ob ein Virus drauf ist oder nicht. Besser als jeder Virenscanner. Irgendein Idiot findet sich immer, der das Ding in einen PC steckt...

Mein eigener Rechner ist, da er niemals unter DOS läuft (das überlasse ich dem Plebs) und ich prinzipiell keine keine Disketten verwende (was kann man schon in 1,4 MB speichern, frage ich?), relativ virensicher.

Trotzdem gehe ich runter, um mir den Spaß anzuschauen. Zu meiner Überraschung verhält sich der Virus aber ganz anders, als die Studenten es mir beschrieben haben. Schon während des Virusscans verschwindet plötzlich mein Homedirectory mit allem, was darin war.
Dann passiert erstmal gar nichts mehr.

Wie langweilig.

Ich frage den Studenten neben mir, ob er auch Schwierigkeiten habe.
Er zieht die Stirne kraus und verneint. Aber gestern sei hier die Hölle los gewesen, meint er. An allen PCs seien blöde Meldungen auf dem Display erschienen.

Ich stehe auf und verkünde mit autoritärer Stimme:

    "Meine Herren. Mit dem Hacken ist für heute vorbei. Wir haben einen nicht identifizierten Virus in den Rechnern. Das PC-Labor wird bis auf weiteres geschlossen!"
Allgemeines Aufstöhnen der acht blassen Studenten, die schon seit Wochen an ihren geliebten PCs hängen, statt zu studieren. Ich grinse sardonisch-genüßlich.
    "Beschweren Sie sich nicht bei mir, sondern bei Ihrem Kollegen, der den Virus eingeschleppt hat. Machen Sie das Beste daraus: Gehen Sie in den Englischen Garten und lachen Sie sich ein hübsches Mädchen an. Cyber-Sex mag ja sehr fortschrittlich sein, aber wir wollen doch die Wirklichkeit nicht ganz aus den Augen verlieren."
Müdes Gegrinse und weiteres Stöhnen. Ich löse dem letzten Studenten mit sanfter Gewalt die verkrampften Finger von der Maus und schiebe ihn zur Türe hinaus. Dann verschließe ich sorgfältig das PC-Labor und hänge ein Schild an die Tür: 'Wegen Virenbefall bis auf Weiteres geschlossen' Das dürfte die lästige Betreuungsarbeit fürs PC-Labor in den kommenden Monaten auf ein Minimum reduzieren.

Auf dem Weg zurück in mein Büro vernehme ich im Labortrakt ein gedämpftes Rumpeln. Ich lokalisiere die Schallquelle nach einigem Suchen in unserem Tonstudio, genauer gesagt, im schalltoten Raum dahinter, dessen mächtige Schallschutztüre geschlossen ist. Ich stülpe mir in der Regie die Kopfhörer über und schalte den Monitor an - ein schwerer Fehler. Denn sofort pustet mir ein schlecht gehaltener Kammerton mit 120 dB fast beide Ohren weg. Ich reiße mir fluchend die Kopfhörer runter.
Kein Zweifel: Jemand übt im schalltoten Raum während der Mittagspause auf der Posaune. Ich dämpfe den Monitorkanal um 90 dB und lausche ein paar Sekunden den holprigen Tonleitern. Kann sich eigentlich nur um die Kollegin Marianne handeln. Wenn ich mich recht erinnere, war in ihrer persönlichen Mailbox in letzter Zeit ziemlich viel von Blasinstrumenten die Rede.
Posaunen sind mir schon seit meiner Kindheit zuwider. Liegt vielleicht daran, daß gewisse Kollegen aus den obersten Etagen dauernd damit herumfuchteln.

Ich schiebe dem Ganzen einen Riegel vor - nicht den Posaunentönen selber, nur der Türe zum schalltoten Raum - und schalte als fürsorglicher Angestellter vor dem Verlassen des Studios den Hauptstrom ab. Hat nicht der Chef erst letzte Woche per Rundschreiben jeden ermahnt, daß die technischen Räume beim Verlassen immer sorgfältig abzuschließen seien und daß vor allem darauf zu achten sei, daß der Strom abgeschaltet werde?
Na, bitte! Außerdem ist es im Studio wieder einmal viel zu kühl für meinen Geschmack; deshalb drehe ich noch rasch die Klimaanlage auf Anschlag.

Kurz nach der Kaffeepause horche ich noch einmal ins Studio hinein.
Aus dem Kopfhörer klingen jetzt keine schrägen Posaunentöne mehr.
Statt dessen sind jetzt an der Türe langsame Klopfsignale zu hören.
Viervierteltakt, wenn mich nicht alles täuscht.
Um den monotonen Rhythmus etwas aufzulockern, morse ich rasch 'Hallo, wie gehts?' gegen die Studiotüre. Die Reaktion ist prompt und eindeutig:

    "HEE! ICH BIN HIER EINGESPERRT! MACHT DIE VERDAMMTE TÜRE AUF!"
Mariannes schrille Stimme dringt mühelos durch die 68 dB schallgedämmte Türe. Ich rechne kurz hoch, daß der Schalldruck im Inneren der Kabine bei ca. 115 dB liegen muß - ein durchaus rekordverdächtiger Wert. Wer hat gleich noch geschrieben, daß der Mensch nur in extremen Situationen zu Höchstleistungen fähig sei?

Ich schiebe den Riegel zurück und reisse die schwere Tür auf.
Angenehm heiße Tropenluft schlägt mir aus der Dunkelheit entgegen.
Marianne stolpert, rotglühend wie in der Sauna, nur mit Höschen und BH bekleidet aus dem dunklen, überheizten Loch und blinzelt mich mit irrem Blick an.

    "JEMAND HAT MICH HIER EINGESPERRT, DAS LICHT AUSGESCHALTET UND DIE HEIZUNG AUFGEDREHT!"

    "Tatsächlich", antworte ich sachlich und betrachte eingehend ihr Fast- Evas-Kostüm, bis sie womöglich noch um einige Nuancen röter im Gesicht wird. "Äh... darf man fragen, was du da drin eigentlich...
    äh...?"

Inzwischen haben sich, angelockt durch das Geschrei, einige Zaungäste in der offenen Studiotüre eingefunden, die die Szene interessiert verfolgen. Frau Bezelmann ist wie immer an vorderster Front dabei.
    "Ich habe...",beginnt Marianne wütend, bricht dann aber abrupt ab und läßt ihren Blick über die zahlreichen Zuschauer streifen.
Es wird ihr gerade klar, daß ihre gegenwärtige Erscheinung eine hausbackene Posaunenübungsstunde nicht sehr glaubwürdig klingen läßt.
Wutschnaubend zieht sie sich wieder in das heiße dunkle Loch zurück, um ihre Kleidung zu suchen, während ich den schwachen Versuch unternehme, die exponentiell anschwellende Zuschauerschaft zu zerstreuen.

 
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