BASTARD   ASS ( I )   FROM   HELL

von Florian Schiel              

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B.A.f.H.
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Nach kurzem Heimaturlaub kehre ich erholt und voller Tatendrang an meinen Schreibtisch zurück. Als erstes öffne ich alle Fenster, damit sich der Schwefelgeruch aus meinen Kleidern besser verflüchtigt.

Kaum habe ich mich hingesetzt, läutet zur Begrüßung das Telefon. Es ist der Chef.
Vorsichtig fragt er, ob ich an den Abschlußbericht zum HARPO Projekt gedacht habe. Er sei leider heute fällig.

    "Selbstverständlich" antworte ich, "ich bringe ihn gleich vorbei."
Ich rufe mein hübsches kleines Programm gen_rep auf, und eine Maske erscheint am Bildschirm. Ich trage Titel, Sprache, ungefähres Fachgebiet, Anzahl der Seiten und vor allem die Dateien aller bereits für dieses Projekt geschriebenen Berichte (natürlich auch die der anderen Projektpartner!) in die Maske ein, klicke noch den Button 'Final Report' und starte den Generator. Nach nur 30 Sekunden kommt der Abschlußbericht fix und fertig aus dem Laserdrucker.
Natürlich enthält er nur zusammenhangloses Blabla, aber das tun die handgeschriebenen Berichte unserer Partner auch, und außerdem habe ich noch nie erlebt, daß so ein Bericht wirklich von jemandem gelesen wurde. Also, was solls?
Irgendwann muß ich das Programm mal patentieren lassen...

Ich bringe den Bericht gleich ins Sekretariat und gebe ihn der BSFH.
Sie überfliegt die erste Seite und zieht die Mundwinkel anerkennend nach unten. Sie sagt nichts, aber Nero krächzt beifällig, als ich das Sekretariat verlasse. Naja, ich habe auch nicht behauptet, daß INTELLIGENTE Leute darauf hereinfallen.

Nach dieser morgendlichen Anstrengung fahre ich die Schutzschilde hoch und entspanne ich mich bei einer halben Stunde DooM, bis jemand es wagt, trotz des Schutzschilds an meine Tür zu klopfen. Ich wechsle in das 'Working Window', grabsche mir eine handvoll Meßstrippen und rufe

    "Herein!".
Yogi Flop steht in der Tür. Ich lasse die Meßstrippen wieder fallen.

Yogi Flop heißt eigentlich Gustav Vorderbauer und stammt aus dem tiefsten Chiemgau. Ursprünglich sollte er bei uns eine Arbeit über die Auswirkungen des Tunneleffekts bei sehr kurzen Adressleitungen in Speicherchips erstellen. Bei seiner intensiven Beschäftigung mit der Quantenmechanik muß er dann irgendwie in die Techno-Esoterik abgeglitten sein - vielleicht standen auch in der Bibliothek nur ein paar Bücher an der falschen Stelle.
Wie dem auch sei. Jedenfalls war er plötzlich überzeugt, das alte Problem des Dualismus von Welle und Teilchen gelöst zu haben. Daß ein Photon bei einem Doppelspaltversuch scheinbar zufallsverteilt mal durch den rechten, mal durch den linken Spalt wandere, sei nur eine Illusion, verkündete er. In Wirklichkeit würde das Photon von den geistigen Kräften des Beobachters beeinflußt. Weil das aber keiner wisse, unsere geistigen Kräfte also völlig ungesteuert und richtungslos seien, verhalte sich das Photon eben scheinbar zufallsverteilt.

Gustav verbrachte Wochen im Labor vor der Wilsonschen Nebelkammer und konzentrierte sich auf die einströmenden Elementarteilchen. Er wollte sie dazu bewegen, nur noch in einer Richtung zu fliegen. Natürlich lehnten es die ungebildeten Elementarteilchen ab, sich in irgendeiner Weise beeinflußen zu lassen - obwohl Gustav nebenher intensiv Yoga und autogenes Training studierte, um ihnen mit seinen geistigen Kräften auf die Sprünge zu helfen. Es war der reinste Megaflop, also gaben wir ihm schließlich den Spitznamen Yogi Flop.

Der arme Kerl hatte eben keine Ahnung, daß die ganze Sch.... mit der Quantenmechanik nichts anderes ist als ein perfider übler Scherz aus der obersten Etage.

    "Wissen Sie, was ich gestern entdeckt habe?" platzt Yogi Flop heraus und rückt mir dichter auf den Pelz, als meine kritische Distanz es erlaubt.
    "Nein, aber ich bin sicher, daß ich es gleich wissen werde", sage ich überzeugt.
    "Im fünften Geheimbuch der Kabbala steht, daß manche Meister es vermochten, mittels bestimmter Körperbewegungen die Materie selbst zu beeinflussen!"
Ich nicke beruhigend und weiche etwas weiter ins Zimmer zurück, um seiner feuchten Aussprache mehr Raum zu geben.
    "Sicher", sage ich und gebe dem Drehstuhl einen Schubs, "so zum Beispiel."
    Ohne meinen Einwurf zu beachten, fährt Yogi Flop begeistert fort:
    "Stellen Sie sich das nur vor: Anstatt zu programmieren werden wir in Zukunft die Programme nur noch denken und sie materialisieren in Form von Bits und Bytes in den Speicherchips!"
Ich seufze.
    "Vielleicht geben Sie mir mal eine kurze Demonstration, damit ich es besser verstehe...", sage ich.
Yogi Flop schaut mich unsicher an, dann blickt er sich suchend in meinem Büro um.
    "Na, gut. Versuchen kann ich es ja mal. Ich versuche, den Briefbeschwerer zu bewegen, ok?"
Ich nicke zustimmend und weiche noch weiter zurück; diesmal damit er mir bei seinem wilden Schattenboxen nicht aus Versehen ins Gesicht langt.
Yogi Flop stellt sich in Positur und beginnt, konzentriert den Briefbeschwerer zu umtanzen. Der Briefbeschwerer bleibt davon völlig unbeeindruckt und rührt sich keinen Millimeter. Schweißperlen bilden sich auf Yogi Flops Stirne. Irgendwie kommt mir sein Gehampel aber bekannt vor. Woher kenne ich das bloß?
    "Halt", sage ich, einer plötzlichen Eingebung folgend.
Yogi Flop verharrt unsicher wackelnd auf einem Bein und schaut mich über die Schulter fragend an.
    "Die letzte Geste war falsch", sage ich. "Den linken Arm höher über den Kopf und das Bein noch nicht abstellen ... ja, genau. Jetzt weiter wie bisher. Machen Sie den letzten Zyklus nochmal."
Yogi Flop gehorcht anstandslos. Nach der letzten Figur gibt es plötzlich ein lautes saugendes Geräusch, wie wenn man eine Packung Vakuumkaffee öffnet, und Yogi Flop verschwindet in einem grellen Lichtblitz.
Nur ein kleines weißes Wölkchen verflüchtigt sich langsam in der ruhigen Luft meines Büros.

Ich lächele anerkennend. Der alte babylonische Zugangskode zum siebten H-Kreis.

    'Gleichwie die Frösche, um zu quaken, kehren Die Mäuler aus dem Wasser, was geschieht, Wenn schon die Bäurin träumt von reifen Ähren,

    So staken blau bis wo die Scham man sieht, Die schmerzenreichen Schatten in dem Eise; Die Zähne klapperten das Storchenlied.'

Vielleicht habe ich Yogi Flop doch unterschätzt. Ob es ihm da unten allerdings gefallen wird, ist eine ganz andere Frage.

 
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