BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                                                             von  Florian Schiel
 
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TEIL 21
 
 
 
B.A.f.H.O. 21
 
             WARNUNGWARNUNGWARNUNGWARNUNGWARNUNGWARNUNG

     Der folgende Text ist NICHT geeignet fuer Tierfreunde, Besitzer von realen und virtuellen Tieren 
     jeglicher Gattung, Mitglieder von Tierschutzvereinen etc., etc. pp.

     Sollten Sie einer der oben genannten demographischen Gruppen angehoeren, druecken Sie JETZT 
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Es ist zehn Uhr und das Telefon klingelt.

Daraus kann man folgendes schlussfolgern:
1. Ein Student oder Mitarbeiter will mir sein Problem aufhalsen (nur zum Plaudern - mit Ausnahme von Ginger - ruft mich niemand freiwillig an!).
2. Es ist Montag morgen (das ist eine statistische Inferenz: Rechnerprobleme treten gehaeuft am Montag morgen auf!)
3. Es muss ein verzweifelter Mensch sein, der da anruft (jemand anderes wuerde
    a) nicht annehmen, dass ich schon so frueh im Buero bin, und
    b) nicht wagen, mich so frueh zu stoeren!).

Alles schoen und gut. Die Sache hat nur einen kleinen Haken: nachdem ich nun das alles messerscharf herausgefunden habe, moechte ich natuerlich zu gerne wissen, ob ich auch richtig liege. Dazu muesste ich aber abheben, und das wiederum waere absolut gegen meine Gewohnheiten.

Nach kurzem Zaudern lege ich meine Lektuere, 'Applied Logic for SysOps', zur Seite und hebe ab.

"Hallo."
Die weibliche Stimme am anderen Ende klingt gehetzt und abgespannt, aber nicht uninteressant. Generell habe ich Frauenstimmen lieber ausser Atem, als kurz vor dem Einschlafen.
"Ist dort jemand von der Systemverwaltung. Ich hab' ein Riesenproblem mit Walter, und wenn ich nicht ganz schnell Hilfe bekomme, gibt es eine Katastrophe..."

Das ist nicht gerade das, was man an einem ruhigen Montagmorgen hoeren moechte, denke ich und laut sage ich, dass sie doch bitte bei der Partnerschaftsberatung im dritten Stock anrufen solle.
"Nein, nein", sagt sie, "es ist naemlich so: ich habe heute ein brandwichtiges Vorstellungsgespraech..."

Aha, denke ich, und jetzt ist ihr CV ploetzlich nicht mehr im Rechner. Komisch, ich kann mich gar nicht erinnern, gestern was geloescht zu haben!

"... und ich kann Walter unmoeglich einfach mitnehmen. Andererseits ist er gerade in einer sehr kritischen Phase. Er hat heute morgen erste Ansaetze zu einem Schwanz gezeigt."

Meine schlaefrigen Neuronen brauchen ein paar Sekunden um das zu verdauen:
"Hab' ich das richtig verstanden: Walter - wer immer das ist - zeigt seit heute morgen erste Ansaetze zu einem... Schwanz? Das heisst also, bis gestern war er quasi noch schwanzlos?"
"Walter ist mein Tamagotchi", fuegt sie erlaeuternd hinzu.
 
Das erklaert einiges! Ein Tamagotchi ist - wie jedes Kind heutzutage weiss - ein virtuelles Haustier. Es besteht im Wesentlichen aus einem eifoermigen Plastikgehaeuse mit einem LCD-Display, ein paar Chips und ein paar Knoepfen. Auf dem Display sieht man das Geschoepf (was immer es ist; die Bandbreite reicht vom Kueken zum Tyrannosaurus Rex) herumhuepfen und mit Hilfe der Knoepfe kann man es fuettern, traenken, streicheln, erziehen, mit ihm Spielen, sein Gewicht, Alter und Koerpertemperatur abfragen, etc. etc. Es entspringt gewoehnlich einem Ei, waechst ziemlich rasch heran und entwickelt mit der Zeit je nach Pflege verschiedene distinktive Extremitaeten wie Beine, Schwanz, Fluegel, Hoerner und so weiter. Wenn es etwas braucht (z.B. eine Spritze, weil es krank ist), quiekt es periodisch. Wenn ihm langweilig ist, will es 'Papier, Schere, Stein' spielen bis man umfaellt, und wenn man es statt dessen mit Eiscreme fuettert, wird es fett, uebellaunig und stirbt vorzeitig. Das zugrundeliegende Programm hat einige ueberraschende Merkmale; zum Beispiel wird das Tamagotchi zum Vegetarier, wenn man es in seiner fruehen Kindheit konsequent nur mit Moehren, Aepfeln und Nudelsuppe fuettert. Die Tamagotchis wurden in Japan erfunden und sofort in China nachgebaut; die Nachfrage war so gross, dass die erste Serie von Orginal-Tamagotchis innerhalb weniger Wochen vergriffen war. Eine Lieferung nach San Francisco war nach eineinhalb Stunden ausverkauft. Mittlererweile bezahlt man auf dem Schwarzmarkt fuer ein Orginal-Tamagotchi ueber hundert Dollar. In Japan bekommt man sie nur noch ueber Beziehungen. Dennoch greift die Sucht rapide um sich; jeder rennt mit seinem 'Egg' um den Hals oder diskret in der Hosentasche verborgen herum, weil alle Angst haben, dass das Ding unbemerkt verendet, wenn man es ein paar Stunden unbeaufsichtigt laesst. Die Kids nehmen ihre Tamagotchis mit in die Schule (was die Lehrer zur Verzweiflung treibt), die Youngster mit ins Kino (so dass es an allen Ecken und Enden quiekt und pfeift) und die Hausfrauen mit in den Supermarkt. Hardliner im Pentagon mutmassen inzwischen, dass das Tamagotchi ein erfolgreicher Versuch der Asiaten sei, die westliche Kultur zu Fall zu bringen (nach der gelben Gefahr, nunmehr die eifoermige Gefahr!). Kulturpolitiker sorgen sich um das Sozialverhalten der kommenden Generation, und das Geruecht, dass Bill Clinton mit einem Plastik-Ei in der Hand gesehen worden sei, hat die Wall Street bedrohlich ins Schleudern gebracht .(Es stellte sich spaeter heraus, dass es sich nur um einen harmlosen Schluesselanhaenger gehandelt hat!)
Die naechste Generation von Tamagotchis kann bereits bis zu zwoelf verschiedene Tiere simulieren. Ausserdem gibt es jetzt maennliche und weibliche Tamagotchis (in himmelblauen und rosaroten Plastikgehaeusen!), die miteinander 'Papier, Schere, Stein' spielen koennen. Die maennlichen haben zu diesem Zweck einen Stecker und die weiblichen eine Buchse... (kein Kommentar!).

(Ok, das wisst ihr ja alles sowieso. Ich vergesse immer wieder, dass meine Leserschaft wahrscheinlich zu den elektronisch aufgeklaertesten der Welt zaehlt.)

 Natuerlich hatte sich der B.A.f.H. auch sofort einen Tamagotchi besorgt - schliesslich muss ich auf dem Laufenden bleiben! Das Ding ist schon nach drei Tagen jaemmerlich verendet, weil ich es ausschliesslich mit einer Hacker-Diaet von Hamburgern und Icecream gefuettert habe! Nicht sehr anpassungsfaehig, diese Lebensform!

Die Tamagotchi-Mama beginnt sich in Fahrt zu reden:
"...und er hat 32 Kilo, und ich ernaehre ihn ausschliesslich vegetarisch, damit er spaeter hoffentlich Fluegel entwickelt."
"Haben Sie fuer den Kleinen schon ein Sparbuch angelegt?" frage ich.
"Wie bitte?"
"Vergessen Sie's. Was hab' ich mit der ganzen Sache zu tun?"
"Ich brauche jemanden, der auf Walter aufpasst", sagt sie ungeniert,
"nur fuer die Zeit, die ich bei meinem Vorstellungsgespraech bin..."
So ist das also: sie braucht einen Tamagotchi-Sitter!
  "Warum schalten Sie nicht auf 'Clock-Modus' um ", frage ich, "dann sind alle Lebens-Prozesse ausgesetzt."
Sie klaert mich mit stolzer Stimme auf, dass SIE ein Orginal-Tamagotchi hat - nicht so ein billiges Nachbaumodell - und die lassen sich nicht pausieren.

Weil ich ausnahmsweise nichts zu tun habe (da war endlich wieder mal ein Witz, Leute!), sage ich ihr, sie solle das Ding vorbeibringen. Zehn Minuten spaeter liegt es neben meinem Maus-Pad und quiekt periodisch. Ausserdem hat sie mir eine hastig hingekritzelte Anleitung dagelassen, was und wann ich dem Ding fuettern darf ("Um Gottes Willen, keine Eiscreme! Nicht vor dem Abendessen!"). Ich frage noch beilaeufig, wo sie sich bewerben wird, und SIE SAGT ES MIR!

Ich suche die Nummer ihres potentiellen zukuenftigen Arbeitgebers heraus und warte bis zur Halbzeit. Dann rufe ich an. Eine Vorzimmer-Mieze meldet sich.
"Firma-Moisenburger-Krautwickler-Menzendorfer-am-Apparat-Guten-Tag?"
"Aeh... hallo. Aeh... heisst das jetzt, Sie heissen Krautwickler-Menzendorfer oder heisst Ihre Firma Moisenburger-Krautwickler?"
"Die Firma heisst Moisenburger-Krautwickler", klaert sie mich indigniert auf.
"Aha", sage ich und frage nach der Tamagotchi-Mutter. "Es ist sehr dringend!"
Frau Menzendorfer zoegert:
"Ich weiss wirklich nicht... sie ist gerade in einer Besprechung beim Chef und ich..."
"Ich bin der Babysitter von Walter", sage ich wahrheitsgemaess, "ich moechte wirklich nichts dramatisieren, aber ich glaube es ist ziemlich kritisch..."
Frau Menzenburger bittet mich, dran zu bleiben. Ein paar Minuten spaeter meldet sich atemlos die Tamagotchi-Mama:
"Ja?"
Ich berichte ihr, dass Walter merkwuerdige Grimassen schneidet und bruellt. Sie gibt mir hastig Anweisung, die Klimaanlage herunterzudrehen und legt auf.
Zehn Minuten spaeter rufe ich wieder an.
"Hallo, Frau Menzenberger..."
"Menzendorfer!"
"...dorfer, richtig. Ich bin es wieder. Koennen Sie mir noch einmal die Dame von vorhin ans Telefon holen?"
"Also..."
"Es geht um Leben oder Tod!"
Sie tut es. Die Tamagotchi-Mutter ist mit den Nerven zu Ende:
"WAS IST?"
"Tja, also: Walter hat ploetzlich Beine bekommen. Ich dachte, Sie sollten das wissen..."
"ABER DOCH NICHT JETZT! ICH BIN MITTEN IN EINEM VORSTELLUNGSGESPRAeCH!"
"Ach so", sage ich beleidigt. "Na gut. Dann werde ich eben nicht mehr anrufen..."
Bevor sie auflegt, hoere ich im Hintergrund noch eine maennliche Stimme etwas sagen, das wie 'Vielleicht zu einen spaeteren Termin' und  'Sie hoeren ganz bestimmt von uns' klingt.

Als die Tamagotchi-Mama eine Stunde spaeter bleich und mit erloschenem Blick mein Buero betritt, habe ich Walter von seiner unseligen vegetarischen Diaet befreit und er hat bereits 25 Kilo zugelegt.

Komischerweise freut sie das kein bisschen!         

 
 
 
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