BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                      von  Florian Schiel
 
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B.A.f.H.O. 28
 
Es regnet. 

Nein, ernsthaft! Es regnet. So was kommt vor. Sogar hier in Kalifornien. 
Zwar seltener, aber deshalb nicht weniger schlimm. Eher noch schlimmer. Weil niemand damit rechnet - und Regenschirme praktisch unbekannt sind. 

Um den damit verbundenen Frust abzubauen, haenge ich ein Schild an meine Tuere und haue ab in die Uni-Bibliothek. Auf dem Schild steht: 

                          "NOTFALL BEIM S.O.P.L." 

Natuerlich weiss niemand, was S.O.P.L. heisst. Ich auch nicht. Aber es klingt arbeitsintensiv, so dass sich niemand wundert, wenn ich den ganzen Vormittag wegbleibe. 

In der Uni-Bibliothek gehe ich schnurstracks in die Aerobics-Abteilung und uebermale mit einem schwarzen Folienstift systematisch die Luecken in den Bar-Codes der Buecher. Ab und zu habe ich das Glueck, dass eine heisse Studentin mit einem solchen Buch zur Ausleihe marschiert und Alarm im automatischen Scanner ausloest. Dann springe ich als Retter in der Not ein, wische unauffaellig den schwarzen Strich weg, und siehe da: es funktioniert alles wieder. Meistens werde ich von der dankbaren Studentin auf einen Cafe eingeladen, etc. etc. 

Nach dem zehnten Buch sehe ich ploetzlich Ginger im schwarzen Lederdress um die Ecke kommen und bei meinem Anblick erstaunt stehenbleiben. Ich frage sie, was sie hier macht. Ginger klappt ihre beruehmten Augendeckel auf und zu und sagt: 
"Och, aeh... ich suche eigentlich nur ein gutes Handbuch fuer das neue Office Suite Programm..." 
Dabei kaut sie gedankenverloren an der Kappe ihres schwarzen Folienstifts. 
"In der Motorsport-Abteilung?" frage ich erstaunt. 
In diesem Moment heult vorne bei der Ausleihe  der Scanner los. Ginger und ich, wir zucken beide synchron zusammen und gucken rasch um die Ecke. Aber es ist nur ein altes Muetterchen im grellrosanen Trainingsanzug und weissen Tennisschuhen. 
"Mist!" murmelt Ginger. 
"Wie bitte?" frage ich. 
"Aeh... nichts. Wo waren wir gerade?" 
"Office Suite", helfe ich nach. 
Ich besorge ihr das Buch, und Ginger laesst sich widerstrebend zu einem Kaffee in der Student Union einladen. Als wir schon am Ausgang des Lesesaals sind, heult der Scanner wieder los. Ein knackiger junger Student in hautengen Lederhosen, eine Mischung aus Mann-ihrer-Traeume und ungezaehmter Junghengst, steht verdattert vor dem Scanner, einen dicken Bildband mit Harley Davidsons unter dem Arm. Ginger seufzt tief, und folgt mir missmutig hinunter in die Cafeteria. 

Als wir nach einen kurzen Plausch von zwei bis drei Stunden zurueck ins Institut kommen, finde ich einen Studenten mit langen fettigen Haaren vor meiner Tuere lehnen, der im Stehen eingeschlafen ist. Ruecksichtsvoll wie ich bin, versuche ich meine Tuere aufzusperren, ohne den armen Jungen zu wecken, aber leider hat er einen leichten Schlaf. 
"Oh... aeh... Herr Leisch?" 
Ich kann es schlecht leugnen, weil es nun mal dummerweise dick und breit an meiner Tuere steht.  Er folgt mir eifrig in mein Buero und sagt: 
"Ich habe heute hier im Institut als graduate angefangen. Und Prof. Icewater hat gesagt, ich solle mir von Ihnen einen Rechnerplatz zuweisen lassen..." 
Trotzdem er stundenlang gewartet hat, ist sein feuriger Enthusiasmus noch ungebrochen. Noch! 
"So, hmm", sage ich. "Einen Rechnerplatz also. Mal sehen..." 
Ich raschele mit ein paar alten HP Prospekten. Eigentlich habe ich keine besondere Lust, einen neuen User einzufuehren. Wir haben doch wirklich schon genug davon! 
"...ja, aeh...", sage ich, "wie waere es mit Wesleys Platz. Der ist letzte Woche tragischerweise frei geworden." 
"Hervorragend", freut sich der Neue. Dann faellt ihm auf, was ich gesagt habe, und er fuegt vorsichtig hinzu: 
"Aeh... wieso tragischerweise?" 
"Tja, der gute Wes hatte einen kleinen Unfall mit dem Backup-Tape." 
"Unfall?" 
"Er ist irgendwie mit dem Schlips in den Bandfuehrungsschlitz geraten, der Schlips hat sich in der Auffangspindel gefangen und... nun, ja... Sie wissen ja wahrscheinlich wie kraeftig diese schnellen Bandmaschinen sind. Tragisch, wirklich tragisch. Ein so intelligenter Junge, mit so guten Anlagen. Haette es hier noch weit bringen koennen... Seitdem traegt hier keiner mehr einen Schlips, und alle waren danach sofort beim Friseur." 
Der Neue schielt nervoes auf seine schulterlangen Fransen und schluckt. 
"Aber... aber das ist ja furchtbar!" 
Ich nicke duester. 
"Ja, das Bandgeraet war auch im Arsch... Andererseits", fahre ich munter fort, "hat es ja auch eine gute Seite. Dadurch haben wir tatsaechlich einen freien Rechnerplatz fuer Sie." 
"Aeh... ja... sicher..." 
"Besser als Thompsons Buero ist es jedenfalls..." 
"Wieso? Was ist mit Thompson passiert?" 
"Mit Thompson? Hmm, interessante Frage... Ich glaube, sie haben ihn eingeaeschert - oder was von ihm uebrig war." 
"... (schwitz)..." 
"Tja, Thompson hatte vergessen, dass unsere Waende seit dem letzten Erdbeben nicht mehr so ganz das sind, was sie mal waren. Er hat sich unbedachterweise gegen seine Buerowand gelehnt und ist glatt durch den Gips gebrochen..." 
Zum Beweis schlage ich mit der Faust gegen die Wand hinter meinem Kopf. Gipsteilchen regnen auf uns herunter und die Wand gibt aechzend ein wenig nach. 
Der Neue macht den Mund auf - und wieder zu. Auf seiner Oberlippe sehe ich Schweissperlen. 
"Da faellt mir noch ein", fuege ich noch hinzu, "oeffnen Sie hier im Institut bitte nie ein Fenster." 
"Ah, ich weiss ... wegen der Klimaanlage." 
Ich schuettele langsam den Kopf. 
"Wegen Ginger." 
"Ginger?" 
"Unsere Hilfssekretaerin. Sie leidet an einem reflexartigen Fluchtsyndrom, seitdem sie mal ein verlaengertes Wochenende lang in unserem Aufzug gefangen war und beinahe vom Kollegen Brian aufgefressen wurde. Er hatte so einen Durst, dass er ihr Blut trinken wollte. Sie konnte sich nur retten, weil sie durch die Wartungsklappe nach oben geklettert ist und dann noch drei Meter am Seil hoch. Seit diesem kleinen Zwischenfall kann sie Oeffnungen, die ins Freie fuehren, nicht mehr widerstehen. Einmal ist sie uns schon aus dem Fenster gesprungen - gluecklicherweise fuhr unten gerade ein Altpapier-Laster vorbei..." 
"...(schluck)..." 
"... und boese Zungen behaupten noch heute, dass irgendjemand das Fenster mit Absicht aufgemacht habe... Aber solchen ueblen Reden sollten Sie lieber kein Gehoer schenken. Das sind alles ganz reizende Leute hier im Institut - so lange sie noch am Leben sind." 
"Am Leben sind?" echot der Neue mit Schweissperlen auf der Stirne. 
Ich winke ihn naeher heran und fahre im Fluesterton fort: 
"Ist Ihnen beim Interview mit Prof. Icewater nicht aufgefallen, wie eiskalt ihre Haende sind? Nein? Naja, sie vermeidet in letzter Zeit auch tunlichst, jemandem die Hand zu geben... Gehen Sie nach Einbruch der Dunkelheit lieber nicht mehr in ihr Buero, das jedenfalls rate ICH Ihnen! Schauen Sie sich das mal an!" 
Ich deute auf ein paar Bohrloecher hinter meinem Kopf an der Wand, wo mein Vorgaenger, der fruehere financial director, einen geschmacklosen Elchkopf befestigt hatte. 
"Eindeutig 45-iger Einschuesse", fluestere ich, "wissen Sie, ich habe nie herausgefunden, was mit meinem Vorgaenger eigentlich passiert ist. 
Komischerweise gab es keine Blutflecken, oder sie wurden sorgfaeltig entfernt - vielleicht wurde das Blut auch anderweitig verwendet. Und manchmal habe ich deutlich das Gefuehl, dass jemand auf den Konsolen im Rechnerraum herumtippt, und ich bin ganz sicher, dass vorher niemand im Raum war! - Was ist eigentlich mit Ihnen los? Sie sind ja ganz kaesig im Gesicht. Soll ich ein das Fenster oeffnen, dass Sie ein wenig Luft bekommen? Nein? Auch gut. 
Also dann gehen Sie mal an Wesleys Arbeitsplatz. Dort werden Sie sich wohlfuehlen; das Buero hat sogar ein Fenster. Den Account richten wir dann morgen ein. Viel Spass auch..." 

Inzwischen ist es schon fast dunkel im Buero; der November hat eben auch in Kalifornien seine Auswirkungen. Nicht umsonst ist Halloween gerade erst vorueber! 
Ich schleiche auf leisen Gummisohlen zum Sicherungskasten und schalte den Strom im Wesleys Buero aus. 
Mit rekordverdaechtiger Promptheit ertoent ein markerschuetternder Schrei durch den Flur. Dann sehe ich den Neuen wie von Furien gehetzt durch den Flur auf mich zu rasen. Ploetzlich erstarrt er fuer einen Moment, glotzt mich mit weit aufgerissenen Augen an, macht kehrt und rennt zum Aufzug, vor dem er zurueckscheut wie ein Pferd, um schliesslich auf der Feuertreppe zu verschwinden. 

Als ich mich umdrehe, steht die Chefin hinter mir im Halbdunkel und fixiert mich mit frostglitzernden blassblauen Augen. Dann seufzt sie und sagt: 
"Ich moechte gar nicht WISSEN, was das wieder werden soll." 

 
 
 
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