BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                      von  Florian Schiel
 
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B.A.f.H.O. 30
 
Ausnahmsweise scheint heute mal die Sonne Ich nuetze die seltene Gelegenheit meinen angeschlagenen kalifornischen Teint aufzufrischen und setze mich mit der neuesten Ausgabe von 'Hacker's Havoc' auf dem Dach ins Freie. Falls mich unten jemand vermissen sollte, steht er halt vor verschlossener Tuere mit dem Schild:

'DO NOT DISTURB - MEN AT WORK!'

Fuer die ganz Misstrauischen (die versuchen durchs Schluesselloch zu spitzen oder an der Tuerfuellung lauschen) produziert meine Workstation ueber Lautsprecher heftige Tastaturgeraeusche, und auf dem Bildschirm erscheint mein Kopf als schwarze Silhouette vor der normalen Oberflaeche (neuer Bildschirmschoner fuer stressgeplagte Systemadministratoren; Patent bereits angemeldet).
Ich blaettere also im neuesten HH und blinzele in die schwache Wintersonne. CA ist im Winter auch nicht gerade das, was die Reisekataloge so versprechen: kuehl, neblig und regnerisch. Natuerlich von Schnee keine Spur, so dass die armen, ganz in CocaCola-Rot gewandeten Weihnachtsmaenner traurig in den Pfuetzen vor den Department Stores herumtapsen muessen.

Ich blaettere um: den Preis fuer die duemmste und kostspieligste Aktion des Monats haben schon wieder die Deutschen gewonnen. Diesmal ist es die 'Krankenhaus-Notopfer-Eintreibung'. Der Journalist zaehlt genuesslich auf, was die Eintreibung von 20 Mark per Post und Bankueberweisung von jedem Versicherten kosten wird; nach seiner Rechnung muessen die Krankenkassen sogar noch draufzahlen. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten Leute sowieso nicht zahlen werden, seitdem irgendein Superhirn oeffentlich im TV gesagt hat, dass saeumige Zahler "aus Kostengruenden" nicht belangt werden koennen. Da hat die Welt mal wieder was zu lachen! In der letzten Ausgabe war es der Elch-Mercedes, und davor... weiss ich nicht mehr; aber auf jeden Fall auch etwas Deutsches. Achso, doch! Jetzt faellt's mir wieder ein: vor zwei Monaten war es der CSU-Abgeordnete Wallner aus Niederbayern, der von seinem Landtagstelefon aus fuer 25.000 Mark Sex-Telefongespraeche gefuehrt hat.
Was fuer ein irres Land! Und ich sitze hier in San Francisco, wo es eine Schlagzeile auf der ersten Seite gibt, wenn neun (9!) Fahrrad-Demonstranten verbotenerweise ueber die Baybridge radeln!
Und da heisst es immer, im alten Europa sei nichts los, und nur hier in den Staaten spiele die Musik! Von wegen!

Ich seufze so laut, dass die Moewen auf der Mauerbruestung erschreckt auffliegen. In diesem Moment duedelt mein hausinternes Handy. Da ich sowieso mit HH fertig bin, schalte ich den automatischen Beantworter ab, der normalerweise dem Anrufer mit freundlicher Stimme erklaert, dass der Teilnehmer Leisch momentan nicht erreichbar sei, und sage:
"Hello."
"Aeh... ah... hello, yes... aeh... please can I... hrrmm... may I speak with Mister... aeh... Leisch... sind Sie das...?"

Der Chef!!! Ich werfe einen raschen Blick auf die Uhr. In Deutschland ist es bereits halb zwoelf in der Nacht! Der Chef ruft mich normalerweise nie selber an, und jetzt sogar mitten in der Nacht! Es muss sich  also um was ganz Ernstes handeln. Mehrere Szenarien erscheinen vor meinem inneren Auge:
Der bayerische Rechnungshof konfisziert meine Videosammlung, Frau Bezelmann wegen Unterschlagung von roten Kugelschreibern verhaftet, der Rabe Nero hat die Dogge des Hausmeisters getoetet, Marianne bekommt ein Baby, und niemand weiss, wer der Vater ist, Invasion der 'Reisekostenstelle from Heaven', oder haben die Mitarbeiter irgendwie 'rausbekommen, dass ihre Mailboxen jede Nacht nach USA auf meinen Rechner kopiert werden?

Ich gebe mich vorsichtig zu erkennen, und der Chef... ja, er klingt fast irgendwie erleichtert?!
"Oh... ah... Leisch! Wie gut, dass ich Sie gleich... hrrmm... haben Sie schon aeh... geschlafen? Oder... hm... wie war das noch mit der... aeh... Zeitverschiebung...?"
Ich sage dem Chef, dass es zwar mitten in der Nacht, ich aber natuerlich noch im Buero und bei der Arbeit sei.
Regel Nummer 342 fuer den erfolgreichen Bastard: 'Unerwartete Wissensdefizite bei Mitmenschen auf keinen Fall aufklaeren, sondern sofort fuer die eigenen Imagepflege ausnutzen!'
"Ah... na, aber! Sie sollten aeh... sollten doch... hm... Sie arbeiten doch zuviel... hm, ja. Ich rufe Sie an...hm, weil... aeh... weil wir... das heisst das Institut, ja... weil wir uns... hrrrm... gewissermassen in einer... aeh... unangenehmen Lage... sehr unangenehmen Lage... aeh... befinden, ja..."

Also doch! Ich hatte es ja vermutet! Wahrscheinlich sagt er mir jetzt, dass sie die ganzen gefaelschten Reisekostenabrechnungen der letzten 8 Jahre gefunden haben, und ich mich besser schon mal um eine Greencard bemuehen solle, weil ich in Muenchen sowieso keinen Fuss mehr in die Tuere bekomme.

"Aeh... ja, haben Sie schon... haben Sie ueber den... hmm... Studenten-Streik hier gelesen? Sehr unangenehm... wirklich..."

Und dabei hatte ich die Kollegen da drueben schon beneidet, dass sie schon seit zwei Wochen keine Vorlesungen mehr halten muessen! Ich gebe einen unverbindlichen, jedoch mitfuehlenden Laut von mir.

"Ja... aehm... sehr... sehr... aeh... unangenehm. Die Sache ist naemlich... hm... leider die: aeh... das Kultusministerium hat uns... aehm angedroht, dass... hm... die... aeh... Haushaltsmittel sofort... ja, gesperrt werden... aeh... wenn die Studenten nicht... hm... sofort wieder in die... aeh... Vorlesungen zurueckkehren, verstehen Sie? Das... aehm... waere eine... eine Katastrophe.. waere das... hrrrm... ja."
"Wenn die Studenten in die Vorlesungen zurueckkehren?" frage ich hoeflich.
"Wie... aeh... neinnein... hrrrm... wenn uns die Gelder gesperrt werden... aehm... DAS waere eine... hm... Katastrophe..."

Aha! Da weht der Wind her! Ich lasse unauffaellig die angehaltene Luft ab. Dann frage ich hoeflich, was die ganze Angelegenheit mit mir zu tun hat. Schliesslich sei ich in CA und koenne von hier aus bestimmt keine Studentenrevolten anzetteln (wenn auch Berkeley dazu den stilgerechten Rahmen abgegeben wuerde!).

"Nein... ja... aeh... nun. Wir haben uns...aeh... gedacht, dass... wo Sie doch immer... aeh... also, wir waren der Meinung... hm... dass Sie vielleicht mit... hrrm... Sie vielleicht die... aeh... Studenten wieder zurueck... aeh... zurueck in die Veranstaltungen bringen... hm... bringen koennten. Weil... soweit ich mich... aeh... erinnern kann, aeh... haben bei Ihnen doch die... hm.. Studenten nie gefehlt... verstehen Sie?"

Kein Wunder! Jeder, der in meiner Uebung fehlt, verscherzt damit automatisch alle Chancen, jemals einen Schein bei mir zu machen. Ausserdem geht immer zufaellig am gleichen Tag die Platte kaputt, auf dem der betreffende Student sein Homeverzeichnis hat. Das hat sich inzwischen 'rumgesprochen!

"Ich soll nach Muenchen kommen, nur damit die Studenten wieder in die Vorlesung kommen?" vergewissere ich mich. 
"Nun ja... aeh...ja, das waere... aeh... schoen..."
"Linienflug in Businessklasse?" frage ich.
"Aeh... kein Problem..."
"Ich komme!" sage ich, kehre der blassen Wintersonne und den Moewen ostentativ den Ruecken zu und gehe hinunter, meinen Laptop einzupacken.

Und so endet diese kalifornische Episode ebenso unerwartet, wie sie begonnen hatte.
Und wenn Prof. Icewater nicht zu einem gruenblauen Eisblock mit Schokoladeneis-Augen erstarrt ist, und Ginger nicht doch noch endlich ihren Motorradprinzen gefunden und geheiratet hat, und Ron sich nicht beim Anstieg auf Mount Whitney endgueltig das Genick gebrochen hat, und der financial director an seiner Katzenhaar-Allergie nicht eingegangen ist, und Jerry nicht vor lauter Coolsein das Einatmen vergessen hat, dann leben sie wieder gluecklich und zufrieden - seitdem sie den B.A.f.H. endlich losgeworden sind...

 
 
 
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