BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                      von  Florian Schiel
 
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Teil 34
 
T e i l  35
 
 
TEIL 36
 
 
 
B.A.f.H.O. 35
 
"Also", sage ich mit gefurchter Stirne und nehme ein paar Unterlagen zur Hand, "Sie sind Herr Muxeneder von der Firma 'Superfax' und haben ihr neustes Modell 'SMM 1313' hier mitgebracht..."
Der vierschroetige Mann im Salz-und-Pfeffer-Anzug nickt finster und wirft einen giftigen Blick auf seinen Nebenmann.
"... und Sie", wende ich mich an diesen, "sind Herr Redenexum von der Firma 'Gigafax' und haben ebenfalls ihr neuestes und bestes Modell mitgebracht, das... aeh, Moment... 'AIE 9907'..."
"Ganz recht" bestaetigt der lange schlaksige Vertreter und sein prominenter Adamsapfel huepft. Dann schaltet er sein geschultes Verkaeuferlaecheln eine Stufe hoeher auf 'Osram 15' und legt seine rechte Hand zaertlich auf das Vorfuehrgeraet, das vor mir aufgebaut ist.
"Gut", sage ich. "Wie Sie beide wissen, moechte der LEERstuhl ein neues Faxgeraet fuer das Sekretariat erwerben, und ich wurde mit der Beschaffung beauftragt."
Das stimmt zwar ueberhaupt nicht - Frau Bezelmann wuerde sich niemals ins Zeug reden lassen, wenn es um Neuanschaffungen geht - aber mir ist langweilig, und ich habe es gern, wenn Leute in meinem Buero streiten. 
"Es versteht sich von selbst", fahre ich fort, "dass wir als technisch orientiertes Institut nur das beste und teuerste erwerben werden, was es zur Zeit auf dem Markt gibt. Um die langweilige Sache etwas zu beleben, habe ich Sie beide gleichzeitig zu einer Demonstration hierhergebeten."
Beide Vertreter holen tief Luft und setzen zum Sprechen an, aber ich hebe rechtzeitig den Zeigefinger.
"Moment noch! Ich glaube, wir koennen  den ganzen ueblichen Standardschmarrn getrost ueberspringen. Ich glaube Ihnen unbesehen, dass Ihre Geraete Faxe senden und empfangen koennen, dass sie Faxe im voraus speichern und empfangen koennen, wenn kein Papier mehr da ist. Da die Modelle ihrer Firmen sich sowieso weitgehend aehnlich sind - auch aeusserlich - moechte ich Sie beide bitten, mir die wirklich aussergewoehnlichen Features zu zeigen. Sie muessen mich ueberzeugen, dass Ihr Geraet beim selben Preis einfach mehr zu bieten hat, als die Konkurrenz. Ich schlage vor wir fangen bei Ihnen an."
Ich deute auf Herrn Muxeneder.
"Unser SMM 1313", hebt dieser salbungsvoll an, "SMM steht uebrigens fuer 'Simple Minded Model' und soll die einfache Bedienbarkeit unterstreichen - unser Modell kann 32 Nummern direkt und 99 Nummern indirekt anwaehlen..."
Sein Konkurrent schnaubt veraechtlich:
"Das AIE 9907 hat sogar 999 Speicherstellen, die BELIEBIG auf Direktwahl, Zielwahl oder andere Makrofunktionen programmiert werden koennen. Ausserdem hat es eine 'Artificial Intelligenz Energy' Funktion. Das heisst, es merkt SELBSTTAeTIG, wann es am guenstigsten Strom sparen kann..."
Herr Muxeneder gibt einen kurzen Lacher von sich:
"Dafuer muss man dann fast 44 Sekunden lang warten, bis das Ding aus seiner 'Artificial Intelligence Energy'-Starre wieder erwacht! Unser Modell dagegen hat einen integrierten Annaeherungssensor, der sofort eine 'Turbo-Warm-Up-Phase' einleitet, sobald jemand nur den Raum betritt..."
"Und dafuer muss man sich dann den ganzen Tag das infernalische Quietschen Ihres Geraets anhoeren", kontert Redenexum. "Na, ich danke!"
Muxeneder ist beleidigt und schaltet sein SMM 1313 ein, um uns zu beweisen, dass es 'sanft wie ein Kaetzchen schnurrt'. Waehrend das Ding sich hartnaeckig weigert, hochzufahren, faehrt Redenexum fort, mir die Vorzuege seiner AIE anzupreisen:
"... hat eine menu-gefuehrte Bedienung ueber das integrierte LCD-Display, ist voll netzfaehig, kann mit allen gaengigen Rechnern kommunizieren..."
Ich deute auf einen alten schnaufenden 286 in der Ecke, den ich normalerweise nur dazu verwende, meinen Kaffee warm zu halten, und sage:
"Na, dann mal los! Drucken Sie von dem aus mal ein Dokument."
Redenexum betrachtet sorgenvoll  den Haufen Schrott und beginnt in seiner Aktentasche nach passenden Kabeln zu kramen.
Inzwischen hat Muxeneder seinen Fax-Boliden endlich zum Leben erwecken koennen, und das Ding schnurrt tatsaechlich - allerdings wie ein ausgewachsener sibirischer Tiger, den man 4 Wochen nicht gefuettert hat.
"Das sind nur die Lager am Anfang", versichert mir Muxeneder mit blauem Augenaufschlag, "die schleifen sich bald ein. Sehen Sie hier: alle Funktionen koennen ueber 6-stellige Codes direkt gesteuert werden, so dass Sie sich nicht immer durch hundert Menu-Ebenen quaelen muessen wie bei dem Modell meines... aeh... Kollegen..."
Der 'Kollege', der  gerade unter dem Tisch feststeckt und verzweifelt den Druckerport sucht, schnaubt veraechtlich. Vielleicht sollte ich ihm sagen, dass mein Kaffeewarmhalter keinen Druckerport hat, weil ich die serielle Schnittstelle schon vor Jahren fuer die Steuerung unserer ISDN-Anlage missbraucht hatte.
Ungeruehrt faehrt Muxeneder fort:
"Und hier ein ganz besonderes Feature: Wenn Sie hier druecken..."
Das Geraet gibt noch ein schwaches Ruelpsen von sich und alle Laempchen erloeschen.
"Wwwwas ist den jetzt schon wieder los?" stottert Muxeneder. Das 'schon wieder' ist ihm einfach so rausgerutscht. Der gute Mann kann noch nicht sehr lange im Geschaeft sein...
"Sehr beeindruckend", sage ich so sarkastisch wie moeglich. "War das jetzt die 'Super-Turbo-Stromsparschaltung'?"
Muxeneder beschnueffelt verzweifelt sein SMM 1313 von allen Seiten. Dann entdeckt er, dass die Netzleitung nicht mehr in der Dose ist. Mit einem Aufschrei stuerzt er sich auf Redenexum, der gerade aechzend unter dem Tisch hervorkommt:
"Sie!!! So etwas Unfaires ist mir ja noch nie untergekommen! Der Kerl hat mein SMM 1313 sabotiert!!!"
Das stimmt nicht ganz. Genaugenommen war ich es mit einem praktisch unsichtbaren Nylonfaden, den ich vorher in die Steckdose plaziert hatte. Der empoerte Muxeneder ist knallrot im Gesicht und schuettelt seinen Konkurrenten heftig an den Aufschlaegen. Dieser versucht verzweifelt, sein Gleichgewicht wiederzufinden und haelt sich ausgerechnet an seinem eigenen AIE 9907 fest. Dabei geraet er auf eine Tastenkombination, die irgendwelche sadistischen Entwicklungsingenieure eingebaut haben, damit sie auch mal was zu lachen haben, und das Geraet faengt an, im Turbobetrieb seinen gesamten Toner auszustossen. Ich fluechte mich auf den Gang und beobachte aus sicherer Entfernung die weitere Entwicklung. Immerhin bringt der umherdampfende Toner sofort die Handgreiflichkeiten zum Stillstand. Es gibt nichts Schlimmeres fuer einen Vertreter als ein Fleck auf der Micky-Mouse-Seidenkravatte, es denn zwei Flecken. Ich schicke Frau Bezelmann mit den Staubsauger vor, und ein paar Minuten spaeter ist mein Buero wieder zu betreten.
"Meine Herren", sage ich, nachdem die Ordnung einigermassen wiederhergestellt ist, "so kommen wir doch nicht weiter. Wenn Sie mich zum Kauf ueberzeugen wollen, muessen mir schon ein paar Features zeigen, die wirklich aussergewoehnlich sind fuer ein Faxgeraet..."
Redenexum sagt schnaufend: "Unser AIE 9907 hat alle marktueblichen Funktionen, darueberhinaus ist es voll programmierbar, sogar saemtliche akustischen Signale sind frei waehlbar, vom einfachen Beep bis hin zu den ersten 8 Takten von Beethovens Fuenfter..."
Muxeneder lacht haemisch: "Daran sieht man sofort, wie veraltet Ihr Geraet schon wieder ist. Unser SMM 1313 hat 346 Ever-Greens fest gespeichert, per Potpourri-Funktion wird bei jeden erfolgreich gesendeten Fax ein Schlager ausgewaehlt und in HiFi-Qualitaet ueber die zwei integrierten Sound-Systeme wiedergegeben..."
"Ja, olle Kamellen, die schon in der Steinzeit auf den Hitlisten waren", zischt Redenexum boese. "Dafuer hat unser Geraet die Option, ueber das Internet die neuesten Techno-Hits herunterzuladen, alternativ kann es auch die neuesten Witze im Netz aufspueren und vorlesen, zum Beispiel die neuesten Clinton-Witze. Kennen Sie zum Beispiel den schon..."
"Unser Geraet kann dafuer eine Haushaltsuebersicht fuehren", kreischt Muxeneder mit verzerrtem Gesicht dazwischen, "Hilfe bei aerztlichen Notfaellen geben und Horoskope stellen..."
"...wobei sich die Prognosen jeden zweiten Monat wiederholen, weil man bei Ihrem Geraet an Speicher gespart hat", ergaenzt Redenexum genuesslich. "Das Problem hat unser AIE nicht, weil es serienmaessig mit einem 6,3 GB Plattenlaufwerk kommt. Saemtliche Werke Shakespeares, die Bibel und alle Jahrgaenge der groessten deutschen Tageszeitungen bis 1963 sind darin gespeichert..."
"Dafuer muss man erst ein 7,4 cm dickes Manual studieren, bevor man auch nur an einen Artikel davon kommt", zischt Muxeneder boese. "Mein Geraet hier dagegen hat die paedagogischen und dialektischen Faehigkeiten eines durchschnittlichen deutschen Hochschul-Professors gespeichert..."
"Wobei das nicht viel heissen muss!" giftet Redenexum.
"... und ist nicht nur in der Lage, in allen Funktionen des Geraets zu unterweisen, sondern kann auch Vortraege ueber Psychiatrie, angewandte forensische Medizin und hyperboraeische Flaxen-Philisophie abhalten..."
Redenexum faucht boese und gibt seinem Konkurrenten einen Stoss vor die Brust, so dass dieser an die Wand zuruecktaumelt. Dann packt er mich  links und recht an meinen Schultern und bruellt mir ins Gesicht:
"Und wer, frage ich Sie, interessiert sich schon fuer hyperboraeische Flaxen-Philisophie?! Unnoetiger Schmarrn! Unser AIE 9907 kann dagegen Babies sitten und Telefonanrufe abwimmeln. Das sind praktische Eigenschaften! Die Anrufer merken nicht mal, dass sie von einer Maschine abgewimmelt werden, weil das SMM... Schmarrn!.. das AIE Ihre Stimme perfekt simulieren kann. 
Muxeneder, der sich immer noch von Boden aufrappelt, bruellt wuetend dazwischen:
"Im naechsten Upgrade unseres SMM, das uebrigens im Preis schon enthalten ist, wird eine vollstaendige Ausgabe aller StarTreck-Episoden in 24 Sprachen mit Kreuz-Indizierung gespeichert sein. Die Wiedergabe erfolgt entweder ueber das eingebaute 17 Zoll LCD-Display oder ueber einen optionalen Breitwand-Beamer...."
Redenexum bemerkt das gefaehrliche Zucken in meinen Augenwinkeln, als das Wort StarTreck faellt, und geht sofort zum Gegenangriff ueber. Mit einem Wutschrei, der einem zentralafrikanischen Blau-Po-Pavian alle Ehre gemacht haette, stuerzt er sich auf Muxeneder und schafft es nach heftigem Gerangel, dessen Arme auf den Ruecken zu biegen und ihm seine eigene Micky-Mouse-Kravatte in den Mund zu stopfen.
"Wenn Sie bei mir kaufen", keucht er, "bekommen Sie 35% Nachlass und zwei Freufluege nach Dom Rep!"
"MmmMmMmMm!"
"Freufluege oder Freifluege?" frage ich.
"Wie Sie wollen! Aber kaufen Sie!"
"MMMMMMMM!"
"Ich weiss nicht...", sage ich unschluessig, "eigentlich hatte ich mir was ganz anderes vorgestellt. So was mit am besten nur einem Knopf, wissen Sie. Unsere Mitarbeiter sind ja soooo ungeschickt, muessen Sie wissen. Am besten waere so ein Geraet aus der guten alten Zeit mit einem Knopf, wo senden draufsteht. Waehlen kann man ja auch mit dem angeschlossenen Telefon, nicht?"
Beide Vertreter starren mich mit blutunterlaufenen und vorquellenden Augen an und sagen das erste Mal ueberhaupt nix.
"Also, ich werd's mir ueberlegen", sage ich ermunternd, "Sie bekommen dann von uns Bescheid..."
Damit schlendere ich aus meinem Zimmer und schliesse diskret die Tuere hinter mir. Kurz vorher sehe ich noch dass Redenexum Muxeneder kraeftig in den Finger beisst, und dieser mit einem brutalen Tritt vors Schienbein kontert.

Ich sag's ja immer: was taeten wir ohne die freie Marktwirtschaft. Diese unverschaemten Vertriebsleute wuerden einen ja glatt ueber den Tisch ziehen...

 
 
 
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