BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                      von  Florian Schiel
 
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B.A.f.H.O. 36
 
 Ich bin schon um neun Uhr in der Uni und schenke unserer Pfoertnerin, Fraeulein Schwengelreiter, ein strahlendes Laecheln. Am Lift stelle ich mich brav hinten an und lasse sogar einem alten gebrechlichen Studentlein (42. Semester Philosophie) den Vortritt. Fuer Frau Bezelmann habe ich ihre Lieblings-Blume mitgebracht, eine sued-bolivianische Wuerger-Ortensie mit integrierten Pfeilgiftkapseln. Und fuer Marianne und den Kollegen O. habe ich frische Krapfen vom Baecker dabei...

Was ist passiert? Hat sich der Bundesrechnungshof angekuendigt? Ist dem BAfH eine Befoerderung zum Ober-Engel, 3. Klasse in Aussicht gestellt worden? Hat er mit seinem miesen Charakter endgueltig Schluss gemacht?? Sind unsere Universitaeten etwa wieder sicher???

Die Antwort ist ganz einfach: Heute ist Diplomvorpruefung! Ich liebe Pruefungen! Pruefungen sind wie Sex ohne Verhuetungsmittel:  Aufregend, und der unangenehme Teil kommt spaeter - beim Korrigieren.

Froehlich vor mich hin pfeifend stehe ich am Kopierer und lasse die Vorlagen fuer die Klausur durchsausen. Damit die Sache fuer die Studenten etwas spannender wird, schalte ich den Sortierer auf 'Supermix' und hefte die Blaetter fast in der Mitte zusammen, so dass die obere linke Ecke nicht mehr lesbar ist.
Hohlwangige Pruefungskandidaten schleichen gruen im Gesicht an mir vorbei in Richtung Hoersaal und schielen nach den Pruefungsvorlagen. Um ihren Blutdruck auf vernuenftige Werte zu bringen, ziehe ich die Stirn in Falten, gucke in die Klausurvorlage und murmele etwas von "...einfach komplexer Tensorbeziehung zwoelften Grades in links-traversal transponierter Dreitorschaltung..."

Schlag neun Uhr fuenfzehn betrete ich mit meinem Handwagen beschwingt den Hoersaal. Die vier Sanitaeter, die ich vorsorglich bestellt habe, muessen vorerst noch draussen bleiben. 160 Pruefungskandidaten sitzen kerzengerade in den Baenken und schauen drein wie Sonntagsschueler, die den Katechismus vergessen haben. Sie haben sich sogar an meine Anweisung gehalten, nur jede zweite Reihe zu besetzen. Ich wuchte 20 Kilo Kopierpapier vom Handwagen aufs Katheder, dass es kracht. Nur die obersten 2 Kilo enthalten die tatsaechlichen Angaben, aber das koennen die Opfer ja nicht wissen. Eine Studentin in der 4. Reihe bekommt beim Anblick der Papierstoesse nervoese Zuckungen.
Dann erklaere ich, dass diesmal per Computer bestimmt wird, wer wo zu sitzen hat. Jeder Kandidat muss nach vorne kommen, sich mit Personalausweis, Daumenabdruck und Retina-Muster identifizieren, und bekommt dann eine Platznummer zugewiesen. Natuerlich weist das Programm die Haelfte der Plaetze doppelt zu, und mit all dem Chaos und den ohnehin schon kopflosen Studenten vergeht wieder eine halbe Stunde, bis jeder auf seinem Platz sitzt.

Dann verlese ich die Regeln:
"... erlaubte Hilfsmittel sind: alles ausser funkbetriebenen Kommunikationseinrichtungen, Rechengeraeten mit mehr als 12 Byte Arbeitsspeicher und natuerlich den vorder-, hinter-, links- und rechtsseitigem Nachbarn, und so weiter... hm... Arbeitszeit... naja, Sie sehen ja dann schon, wenn ich hungrig werde; dann koennen Sie mit einem baldigen Ende rechnen... haha..."

Niemand lacht; an Pruefungstagen verstehen die Studenten komischerweise ueberhaupt keinen Spass.

"... Unterschleif... blablabla... es genuegt der Versuch...  sofortige Beschlagnahmung - und fuer mindestens drei Tage Dunkelhaft..."
Keine Reaktion. Inzwischen liegen bei den Studenten die Nerven schon so blank, dass sie auf akustische Reize kaum noch ansprechen.
Ich teile die Angaben aus, und die Meute stuerzt sich darauf wie ein Rudel ausgehungerter Polarhunde auf eine drei Tage alte Leberkaesesemmel. Alle fangen sofort mit der Bearbeitung der 37 Fragen an; niemand achtet auf mich, wie ich in neuer Rekordzeit die Pruefung herunterleiere. Ganz zum Schluss sage ich:
"Und jetzt noch ein wichtiger Hinweis: die Pruefungsteile 2e,3c,6a, 7c, 8l, 11d, 13d, 13f, 17a, b und c und 27j werden nicht bewertet. Sie dienen nur dem Kontextverstaendnis der anderen Aufgaben. Sie koennen diese bei der Bearbeitung auch weglassen, wenn Ihnen die Zeit zu knapp sein sollte."
160 Koepfe gehen ruckartig nach oben, 160 blutunterlaufene Augenpaare starren mich aus fahlen Gesichtern an.
"Damit beginnt jetzt die Bearbeitungszeit", sage ich abschliessend froehlich.
Niemand hat mitbekommen, was ich zum Schluss gesagt hatte, weil alle schon mit der Pruefung angefangen hatten. Ein verzweifeltes Getuschel setzt schlagartig ein. Ich schiesse strafende Blicke in alle Ecken. Ein Student rafft allen seinen Mut zusammen und meldet sich:
"Aeaeaeh... ich finde das, was Sie da zum Schluss gesagt haben, aber nicht in der Pruefungsangabe..."
"Deshalb habe ich es ja extra gesagt. Haben Sie nicht aufgepasst?"
Der Student schrumpft zu einem grossen Schweissfleck zusammen. Die anderen ducken sich hinter ihren Taschenrechnern. Koennte man Angst und Verzweiflung sehen, waere die Sicht in diesem Hoersaal zur Zeit etwas behindert.

Die Pruefung schreitet unerbittlich voran. Ich dagegen schreite gemessenen Schrittes durch den Hoersaal, in dem man eine Stecknadel  fallen hoeren koennte, und suche gezielt die losen Parkettdielen, die an meisten knarzen.
Dort bleibe ich dann sinnend stehen, starre an die Decke und wippe langsam zwischen Zehen und Ballen hin und her.
"...Knarzknarz! Knaaaaarrrrz! Knoooorz!..." toent das Parkett, das auch mal froh ist, dass ihm jemand seine uneingeschraenkte Aufmerksamkeit schenkt.
Mit einem weichen Plumpser gleitet ein Student in der fuenften Reihe ohnmaechtig zu Boden. Oder zumindest scheint es so. Vielleicht will er sich auch nur krank schreiben lassen, um ein Durchfallen zu vermeiden. Ich winke die Sanitaeter herein, die mit verschiedenen Tricks (Gaensefedern an den Fusssohlen, Nase zuhalten) pruefen, ob auch wirklich keine Simulation
vorliegt, bevor sie den Studenten fachgerecht abtransportieren.

Gegen Ende der Pruefungszeit lichten sich die Reihen betraechtlich. Die vier Sanitaeter fordern per Funk Unterstuetzung durch den Katastrophendienst an. Ein Notarzt in orangefarbenem Overall geht kopfschuettelnd an mir vorbei und murmelt irgendetwas wie "... jedes halbe Jahr dasselbe Theater..."
Ich merke mir sein Gesicht fuer spaeter. Der Computer der kassenaertzlichen Vereinigung ist seit neuestem im Internet...

Schwer beladen mit Klausuren komme ich in mein Buero zurueck. Die anderen Assistenten strecken die Koepfe aus ihren Bueros und gucken verzweifelt auf den riesigen, zu korrigierenden Stapel Papier auf meinem Handwagen. Ploetzlich biegen voellig unerwartet der zweite Hilfshausmeister und der Hausmeistergehilfe ebenfalls mit einem Handwagen um die Ecke. Ich rufe noch eine Warnung und bringe mich in Sicherheit; die Hausmeister springen um Ihr Leben.  Die beiden Gefaehrte krachen mitten im Flur zusammen, und ein schwappender Strom von Farben, Kloreinigungsfluessigkeit und anderen Putzmitteln ergiesst sich auf den Boden, auf dem die Klausuren herumflattern.
Die Assistenten in der Naehe brechen spontan in Jubelrufe aus, die Frau Bezelmann mit strengem Blick sofort wieder zum Schweigen bringt.
Der zweite Hilfshausmeister, der Hausmeistergehilfe, Frau Bezelmann, der Kollege O. und ich, wir stehen da und betrachten schweigend das Malheur.
"Und was machen wir jetzt?" fragt der Kollege O. mit bleichem Gesicht.
"Sollen wir die Klausur etwa wiederholen?"
"Und mit welcher Begruendung?" faehrt Frau Bezelmann ihn an. "Wegen ueberdurchschnittlicher Bloedheit bei den Uni-Angestellten?"
Wieder schweigen alle betreten. Ich schiele unauffaellig zur Klappe des Muellschluckers hinueber. Kollege O. und Frau Bezelmann fangen meinen Blick auf und nicken in stillem Einverstaendnis. 

17einhalb Minuten spaeter sind mit tatkraeftiger Unterstuetzung eines Dampfstrahlers der Hausmeister alle Spuren der Katastrophe restlos beseitigt. Frau Bezelmann sprueht zusaetzlich noch mit Sagrotan ueber die Stelle. Als ich frage, was das bewirken solle, schnaubt sie nur veraechtlich. Ich empfehle ihr, das naechste Mal Weihwasser zu bringen.

"Und was machen wir jetzt mit der Benotung?" fragt der Kollege O. bedrueckt.
Ich zucke mit den Schultern und sage:
"Bei der letzten Klausur ist mir sowieso aufgefallen, dass die Anzahl der abgegebenen Seiten ziemlich gut mit der Endnote korreliert.
Regressionsfaktor von fast 0,88 oder so. Und die Anzahl der Seiten habe ich hier auf der Teilnehmerliste..."
Marianne starrt mich fassungslos an.
"Du meinst...?!"

Ich sag's ja auch immer wieder meinen Studenten: Was taeten wir ohne die Statistik?

Spaeter, als ich an einem Algorithmus knobele, der eine gute Gaussglocke in der Notenverteilung erzwingt, streckt der Chef seinen Kopf herein.
"Aeh... ah... gut... aehm... was ich nur... aeh... fragen wollte... hrrrm.... wie war eigentlich heute die... aeh... Dings... aehm.. die Zwischenpruefung?"
"Alles wie gewoehnlich", sage ich und speichere die Notenverteilung ab.
"Uebrigens sind wir bereits mit der Erstkorrektur fertig..."
"Ah... schon? Oh... aeh.. sehr... aehm... sehr, sehr gute Arbeit, Leisch... hrrrm..."

Kurz bevor ich nach Hause gehe, bestelle ich beim Getraenkemarkt um die Ecke die versprochenen vier Kaesten Weissbier fuer die Hausmeister...

 
 
 
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