BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                      von  Florian Schiel
 
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Teil 36
 
T e i l  37
 
 
 
 
 
 
B.A.f.H.O. 37
 
 Ich loesche gerade die ganze ueberfluessige User-Mail auf dem schnellen Server B, damit ich mehr Platz fuer meine DooM-Szenario-Dateien bekomme, als ploetzlich jemand meine Tuer aufreisst. Niemand wuerde es wagen, bei hochgefahrenen Schilden meine Tuer aufzureissen; es kann also nur der Chef sein.
"Ah... aeh... Leisch... hrrrm... gut... aeh... dass Sie da sind! Ich moechte Sie mit Frau... aehm... Frau... na!... Frau Diplompsychologin Dr. Duerf bekanntmachen."
Der Chef zieht den Bauch ein und laesst eine abgehungerte, mindestens ein Meter fuenfundachtzig grosse, kuenstlich angegraute Bruenette vorbei in mein Buero. Auf ihrer Bluse schillert das ganze Farbspektrum wie in einem billigen Bildschirmschoner, und - trotz ihrer an sich schon beachtlichen Groesse - hat sie an den Schuhen Stilettos, fuer die jeder Mann einen Waffenschein vorweisen muesste. Auf dem kuenstlich gebraeunten und sorgfaeltig gespachtelten Gesicht sitzt das professionelle 100-Watt-Osram-Laecheln, mit dem Zahnaerzte uns immer versichern, es werde ueberhaupt gar nicht weh tun.
Frau Duerf setzt zum Sprechen an, aber der Chef hat schon wieder das Wort ergriffen:
"Aehm... ja... es handelt sich... hrrrm... oder vielmehr... aeh... Sie kennen ja das neue 'Quality of Service' Programm, das... aeh... QOS ist wohl die Abkuerzung... das die Firma... hm... die Firma... Wie war der Name doch gleich? MacDonalds?"
"McKinsey."
"... McKinsey... aeh... das die Firma McKinsey der Universitaet empfohlen hat... aeh... ja. In diesem... aeh... Programm gibt es auch ein... Dings... ein... hm..."
Der Chef schaut in eine Hochglanzbroschure, die er in der Hand haelt.
"... ein 'Person-to-Person coaching, das Anreize zur Verbesserung der kommunikativen Akzeptanz der Angestellten schaffen soll'. Hmm... ja. Jedenfalls hat der Hochschulrat beschlossen... aeh... zunaechst mal eine... hm... kleine Pilotstudie... aehm... anfertigen zu lassen. Hrrrm! Ja, aeh... und Frau... hm... Frau Duerf hier... oder vielmehr: wir dachten dabei an Sie...aeh... ob Sie... aehm... "
Frau Duerf uebernimmt elegant die freihaengenden Faeden:
"Ich soll mit Ihnen zusammen eine der geplanten Coaching-Sessions durchfuehren. Und Sie koennen dann in einem anschliessenden Assessment berichten, ob eine solche Massnahme zur Effizienzsteigerung und Verbesserung des Arbeitsklimas beitraegt."

Ich nicke langsam und duester.
"So. Aha", sage ich."Ich hoffe, es handelt sich um nicht-invasive Methoden. Bei der letzten solchen Aktion hat ein Kollege von Ihnen dazu geraten, mir die rechte Grosshirnhaelfte zu entfernen."
Frau Duerf hat sich gut in der Gewalt. Nur die rechte Augenbraue zuckt ganz kurz. Dann strahlt sie wieder ihr Zahnarztlaecheln ab. Jetzt allerdings mit 200 Watt.
"Haha!" lacht der Chef halbherzig. "Ha.... ja, aeh... also... hrrrm... wie gesagt... am besten... und Sie kommen... aeh... schauen dann nochmal... hm ... bei mir vorbei... aeh...", und damit verlaesst er fluchtartig mein Buero.
Frau Duerf und ich, wir gucken uns eine Sekunde lang an. Dann sage ich:
"Und? Wollen wir ueber meine verkorkste Kindheit sprechen? Wir haben leider keine Couch hier... "
"Es handelt sich nicht um eine Analyse", sagt Frau Duerf in milde tadelndem Ton."Wir werden uns einfach ganz entspannt unterhalten. Ab und zu werde ich eine Frage stellen, und Sie koennen Sie beantworten oder auch nicht. Wie Sie wollen..."
Ich nicke wieder duester.
"Wie waers mit einen kleinen Spaziergang", versucht es Frau Duerf im herzlichsten Tonfall.
"Ok", sage ich und fuege dann mit vorwurfsvollem Ton hinzu:
"Uebrigens HATTE ich eine schwere Kindheit."

Wir treten hinaus auf die Strasse. Es nieselt, und ein vorbeifahrender Lastwagen erwischt uns beinahe mit einer Fontaene Dreckswasser.
"Reizend, ganz reizend", sage ich und wickele mich fester in meinen Mantel.
"Warum sagen Sie das so?" erkundigt sich Frau Duerf.
"Weil das Wetter eben beschissen ist. Sagte ich schon, dass ich eine schwere Kindheit hatte?"
"Was faellt Ihnen denn sonst noch so ein, wenn Sie an das schlechte Wetter denken?" faehrt sie unbeirrt fort und stoeckelt auf ihren Stilettos eifrig neben mir her.
"Hundekacke!"
"Wie bitte?"
"Vorsicht, da! Hundekacke! Jetzt sind Sie doch reingestiegen! Sie sollten besser achten, wo Sie hintreten. Das ist ein gefaehrliches Pflaster, hier um die Uni..."
Frau Duerf betrachtet umbekuemmert die dicke Wurst auf ihrem Stiletto - und streift sie elegant am naechsten BILD-Zeitungs-Kasten ab.
Eigentlich doch ganz sympathisch, die Frau...

"Kommen Sie! Wir gehen in die Neue Pinakothek und schauen uns ein paar Bilder an", sagt sie und haengt sich bei mir ein.
"Koennen wir nicht lieber ins Lenbach gehen?" sage ich und mache vorsichtig meinen Arm wieder frei.
"Ins Lenbach-Haus, meinen Sie? Warum nicht? Da gibts auch jede Menge Bilder..."
"Ich meine nicht das Lenbach-HAUS, sondern DAS Lenbach, die abgefahrendste Hyper-Schicki-Micki-Super-In-Kneipe Muenchens..."
Frau Duerf guckt interessiert.
"Gehen Sie da oefters hin? Trinken Sie regelmaessig?"
"Nie!" schuettele ich den Kopf. "Obwohl ich eine sehr, sehr schwierige Kindheit...
"Aber warum gehen Sie dann in Kneipen?"
"Weil ich so gerne die ganzen halb- und voll-fertigen Neureichen und Lokalpolitiker beobachte, wie sie an der der Bar haengen, schlappe Konversation machen, ihre Lungen mit rauchverpesteter Luft verseuchen und sich trotzdem jeden Abend zu Tode langweilen... Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass Lokalpolitik auch von 'Lokal' kommen koennte?"
"Was faellt Ihnen denn bei dem Wort 'Politiker' noch ein?" fragt Frau Duerf.
"Hundkacke!" sage ich.
Frau Duerf schaut automatisch nach unten.
"Nein", sage ich, "diesmal wirklich."

Bei der Neuen Pinakothek zahlt Frau Duerf beide Eintrittskarten, was ich sehr nobel von ihr finde, wenn man bedenkt, dass ihr Stundensatz bestimmt nicht mehr als 450 Mark betraegt.
Wir schlendern ziellos durch die ausgestorbenen Gaenge. Falls ich wirklich mal vorhaben sollte, Selbstmord zu begehen, wuerde ich nochmal herkommen, um mich in die rechte Stimmung zu versetzen.
"Was halten Sie hiervon?" fragt Frau Duerf.
Ich betrachte das Werk ein paar Sekunden lang.
"Braun", sage ich dann.
"Braun? Sonst faellt Ihnen dazu nichts ein?!"
"Doch!" sage ich. "Hundeka..."
"Schon gut!" unterbricht Frau Duerf hastig. "Schauen wir uns was anderes an..."
Wir gehen in den ersten Stock hinauf. Eigentlich hatte ich gehofft, dass dort endlich das unvermeidliche Cafe mit angeschlossenem Souvenir-Stand zu finden sei. Aber statt dessen sind dort nochmal soviel Bilder wie im Erdgeschoss!
Ich bleibe vor einer Miniatur stehen. Sie zeigt eine abstrakte Version der Enthauptung von Jonny, dem Taeufer. Frau Duerf ist sofort hinter mir und linst mir ueber die Schulter.
"Was gefaellt Ihnen an dem Bild?"
"Es erinnert mich an meine Jugend."
"Wieso?"
"Naja, ich finde es ganz apart, wie die Herodias gleichzeitig laecheln und Jonnys Blut aus der Schuessel schluerfen kann...."
Frau Duerf guckt auf die abstrakte Pinselfuehrung und reist die Augen auf.
"Und das Toechterchen scheint ja auch ganz schoen ausgekocht zu sein fuer ihr Alter. Schauen Sie mal, wie das Luder den Kopf des armen John am rechten Ohr hochhaelt, und dabei noch lachen kann..."
"Aber...", protestiert Frau Duerf, "da sind doch nur rote und violette Striche und Punkte zu sehen!"
Ich zucke mit den Achseln. Soll ich ihr erklaeren, dass man halt das entsprechende Hintergrundwissen als 'Bastard from Hell' mitbringen muss?
"Und der arme alte Lustmolch, der Herodes Antipas, hat sich das wohl auch anders vorgestellt. Ganz gruen ist er im Gesicht. Passen Sie auf, ich wette, er kotzt gleich dieser Lustsklavin in den Ausschnitt..."
"Ich glaube, wir sollten lieber einen Kaffee trinken gehen", sagt Frau
Duerf, auch schon etwas bleich um die Nase.

"Sind Sie eigentlich mit Ihrem Beruf zufrieden?" Frau Duerf hat sich wieder etwas gefangen.
"Doch, ich denke schon" sage ich duester. "Er ist auf jeden Fall besser als der letzte. Finden Sie nicht auch, dass der Kaffee ein bisschen nach durchgegorener Jauche schmeckt?"
Frau Duerf schiebt ihre Tasse zwei Zentimeter von sich weg und fragt natuerlich:
"Was war denn ihr letzter Job?"
"Engel vierter Klasse auf dem Linienflug New York - London. Habe ich schon erwaehnt, dass ich eine Zangengeburt war?"
Frau Duerf Schaut laesst sich nicht ablenken:
"Sie meinen, Sie waren Flugbegleiter?"
"So kann man es auch nennen. Um auf meine Zangengeburt zurueckzukommen..."
"Aber wieso ist das ein schlechter Beruf?" will Frau Duerf wissen.
"Ich habe damals noch fuer die falsche Seite gearbeitet", erklaere ich. "Das war natuerlich todlangweilig. Und dann praktisch keine Aussichten auf eine Karriere."
Ich beuge mich vertraulich vor:
"Wissen Sie - mal abgesehen von meiner Zangengeburt - wissen Sie wie lange es dauert, bis man vom Engel vierter Klasse zum Engel dritter Klasse aufsteigt?"
Frau Duerf schuettelt langsam den Kopf, ohne mich aus den Augen zu lassen.
Ihre Augenbraue zuckt wieder etwas.
"Zwischen 14 und 26 Millionen Jahre. Sehen Sie?"
"Hm... ja... ich denke doch. Hatten Sie eigentlich in letzter Zeit viel zu tun?"
Ich ueberlege ein paar Minuten angestrengt.
"Also, letzte Woche hatte ich Hundekacke an den Schuhen, und es hat mich eineinhalb Stunden gekostet, den Mist mit einer Zuckerzange wieder herauszukratzen!"
"Aeh... ja", laechelt Frau Duerf etwas broeckelig. "Ich glaube wir sollten doch nochmal auf Ihre Kindheit zu sprechen kommen..."
"Genau", sage ich. "Hatten Sie eine?"
"Wie bitte?"
"Ich sagte: Hatten Sie eine Kindheit?"
"Ja, natuerlich..."
"Sehen Sie! Ich hatte nur eine Zangengeburt!"
"Ich verstehe..."
"Und was fuer eine! Wollen Sie Einzelheiten wissen?"
"Ich glaube..."
"Es war eine Zuckerzange! Koennen Sie sich das vorstellen? Ich habe meinen Augen nicht getraut. Eine Zuckerzange..."
"Ich denke, wir sollten jetzt lieber wieder zurueckgehen", meint Frau Duerf vage und zahlt freundlicherweise auch meinen Kaffee gleich mit.
Den Rueckweg legen wir schweigend zurueck und machen beide sorgfaeltige Boegen um die ganze Hundekacke, die nach der Schneeschmelze aufgetaut ist und jetzt in der warmen Fruehlingssonne vor sich hindampft.

Zwei Wochen spaeter bekomme ich eine unmissverstaendliche Aufforderung von der Personalstelle, endlich meinen Resturlaub vom letzten Jahr zu nehmen. Wenn ich wolle, koenne ich auch mal in Kur gehen, steht noch darunter.

 
 
 
Teil 36