BASTARD  ASS ( I FROM  HELL OVERSEA
                                                                                                                                                                                             von  Florian Schiel
 
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Teil 8
 
T e i l  9
 
 
TEIL 10
 
 
 
B.A.f.H.O. 9
 
1906, San Francisco, California. Die Braende, die das grosse Erdbeben ausgeloest hatte, sind unter Kontrolle. Ich habe bereits die Wasserversorgung in 95 % der Haushalte wiederhergestellt und der Wiederaufbau der Verkehrsinfrastruktur ist im vollen Gange. Die Finanzlage stabilisiert sich allmaehlich, und ich lockere ein wenig die Steuerschraube, was mir wiederum ein paar Prozent in den Umfragen einbringt. Wenn jetzt nicht noch ein Monster auftaucht und Golden Gate Park verwuestet, werde ich die naechste Wahl haushoch gewinnen. 

Eine kleine Pause kann nicht schaden, denke ich und nehme die Haende von der Tastatur. 
Es wird auch hoechste Zeit: meine rechte Hand fuehlt sich taub an und seit einer Stunde kaempfe ich mit Kraempfen im Unterarm. Vier Stunden City2000 am Stueck ist vielleicht doch etwas zuviel! 

Kollege Ron trampelt auf seinen ueberdimensionierten Joggingschuhen an meinem Zimmer vorbei und sieht, wie ich meine Hand massiere. 
"Zuviel gearbeitet?" sagt er grinsend. "Du solltest mehr fuer deine Fitness tun, sonst bist du mit 40 reif fuer die erste Herzattacke..." 
"Harhar", sage ich und loesche rasch alle seine emails in der Mail Spool Area. 

Ron gehoert der hier weitverbreiteten Gattung der Auto-Masochisten an. Er ist nur gluecklich, wenn er sich taeglich mindestens eine Stunde lang selbst quaelen kann. 
Z.B. faehrt er nicht, wie alle anderen vernunftbegabten Lebewesen, die es in jahrmillionlanger muehsamer Evolution geschafft haben, Cabriolets zu entwickeln, mit dem Auto ins Buero, sondern mit dem Fahrrad - 
Verzeihung! - mit dem Mountainbike, wollte ich sagen. 
An sich waere das ja noch relativ harmlos (obwohl die Vollbluthacker unter euch sicher bereits die Stirne runzeln), aber Ron wohnt auf den Berkeley Hills - circa 350 Meter ueber Normalnull; und der Campus 
liegt auf Meereshoehe! 
Letzte Woche ist er "mal eben so" von Alcatraz nach Angel Island geschwommen. Jeder, der 'Escape from Alcatraz' gesehen hat, weiss, dass das Wasser eiskalt ist, von Haien wimmelt und es nur eine kurze halbe Stunde zwischen den Tiden gibt, waehrend der die gefaehrlichen Stroemungen abflauen. 
Natuerlich laeuft er jedes Wochenende einige Zig Meilen durch die Hitze - am liebsten auf steile Berge, damit es nicht zu langweilig wird. An den Strand nach Point Reyes faehrt Ron mit dem Fahrrad. Wenn er 
allein ist und ihn keine Langweiler aufhalten, braucht ER dafuer eineinhalb Stunden. ICH brauche dazu eine Stunde - mit meinem mintgruenen Mustang auf dem Freeway! 
Alle grossen Marathonlaeufe der westlichen Hemisphaere hat Ron bereits erfolgreich absolviert. Sein groesster Kummer ist, dass er noch niemanden gefunden hat, der mit ihm 'The Big Run' machen moechte. 
'The Big Run' fuehrt vom tiefsten zum hoechsten Punkt der Vereinigten Staaten (ausser Alaska), also vom Death Valley (282 Fuss unter Null, ca. 46 Grad im Schatten) bis zum Gipfel des Mt. Whitney (14495 Fuss 
ueber Null, ewiges Eis), und das Ganze innerhalb von 24 Stunden. 

Die Aufzaehlung liesse sich fortsetzen, aber ich denke, ihr wisst jetzt, was ich unter 'Auto-Masochisten' verstehe. Wuerde mich gar nicht wundern, wenn Ron demnaechst nach Hawaii schwimmen wuerde... 

Trotzdem, vielleicht sollte ich auch mal was fuer meine Figur tun... Immerhin faellt mir auf, dass ich letzter Zeit die Arme immer weiter strecken muss, um an die Tastatur zu kommen. 

Diaet halten? Kommt nicht in Frage! Ausserdem mache ich sowieso schon seit Jahren eine strikte Pizzadiaet... 
Durch die Hitze joggen? Forget it! Bin ich Arnold Schwarzenecker? 
Wenn ich schon 'work out' mache, dann mit allen technischen Schikanen! 

Ich gehe zwei Block weiter zum 'Platinum Gym', dem teuersten Fitness-Tempel am Ort, und sage dem Blondie-Girl am Empfang, dass um die Ecke ein Pickup meinen Wagen behindert, und ich nicht wegfahren kann, und ob sie nicht vielleicht mal ganz hoppti nachschauen koennte, ob es vielleicht der Pickup von einem ihrer beknackten Kunden sei. Eingeschuechtert verlaesst die Kleine ihren Posten, OHNE VORHER IHR TERMINAL ZU SPERREN! 
Zehn Minuten spaeter kommt sie ganz verwirrt zurueck und entschuldigt sich tausendmal, aber sie koenne keinen Pickup sehen, der ein parkendes Auto behindere. 
"Oh?" sage ich und laechele mein charmantestes Laecheln, 
"wahrscheinlich ist der Kerl schon selber weggefahren. Ich habe noch ein klitzekleines Problem: Ich habe leider meine Mitgliedskarte verloren. Aber ihr habt ja alle meine Daten im Computer..." 
Ihr Gesichtchen unter dem blonden Haarschopf hellt sich auf: das ist etwas, wo sie helfen kann! 

Bald darauf bin ich im Besitz einer funkelnagelneuen Mitgliedskarte (Gold Plus) fuer das naechste Jahr und sitze im 'Cardiovascular Training Center' auf einer 'tread mill'. Der Raum ist konstant auf 22 Grad und 
78 % Luftfeuchtigkeit klimatisiert, das Licht mit sanfter UVA Strahlung angereichert und saemtliche anwesenden Auto-Masochisten sind an Herzmonitore angeschlossen. Meine 'tread mill' ist eine Art robustes Fahrrad auf Stelzen, das ein sadistisch veranlagter Ingenieur mit einem zufallsgesteuerten Steigungsprofil ausgestattet hat. Direkt vor meiner Nase ist ein grosses 17 Zoll Farbdisplay, auf dem ich wahlweise folgende Informationen abrufen kann: 
- die Uhrzeit, 
- die verstrichene Trainingszeit, 
- meine Pulsrate, 
- meine 'burning rate' (Kalorien pro Stunde), 
- meine bereits erzeugte Energiemenge, 
- meine (virtuelle) Geschwindigkeit, 
- die aktuelle Steigung (auf die ich keinen Einfluss habe, weil ich den Zugangskode zu dem bloeden Ding noch nicht 'rausbekommen habe), 
- das Steigungsprofile der naechsten 60 Sekunden (damit ich mich schon mal geistig darauf einstellen kann), 
- den Wetterbericht, 
- das heutige Menue im Casino, 
- die Aussentemperatur, Innentemperatur und Luftfeuchtigkeit, 
- den aktuellen Dow Jones Index, 
- den Bay Area Traffic Report, 
- 46 Fernsehkanaele (einschliesslich HBO und ShowTime), 
- meinen letzten Kontostand, 
- die letzten Sonderangebote im Supermarkt um die Ecke. 
Nachdem ich saemtliche erforderlichen Disclaimer unterschrieben habe, dass ich auf eigenes Risiko trainiere und unter gar keinen Umstaenden die Leitung des Fitness-Centers fuer etwaige Verletzungen oder gar ein 
vorzeitiges Ableben gerichtlich belangen werde, fuelle ich zuallererst ein Beschwerdeformular aus, in dem ich beklage, dass von den 'tread mills' aus kein Internet-Zugang moeglich ist. 

Dann beginne ich mit dem eigentlichen Training: 
Fuenf Minuten spaeter bin ich im Kontrollprogramm meiner 'tread mill' und aendere das Vorzeichen des Kraftwiderstands. Die Pulsrate stelle ich kontant auf 174. Dann waehle ich die hoechste Stufe und die 'tread mill' beginnt von sich aus zu strampeln. Ich muss mich nur noch zuruecklehnen und die Beine entspannen. 

Neben mir schwitzt eine etwa 40jaehrige Asiatin, die links und rechts ueber den Sitz quillt. Ich schiele diskret auf ihr Display: sie ist auf der hoechsten Schwierigkeitsstufe, Pulsrate 142 und Trainingszeit bereits 53 Minuten. Auf ihrem schweissbedeckten Gesicht liegt ein entruecktes Laecheln; die Augen sind halb geschlossen. Sie murmelt leise vor sich hin, waehrend sie schnaufend in die Pedale steigt. Ich spitze die Ohren (+20 dB): 
"Meine Beine werden staerker und staerker. Ich werde jeden Tag staerker. Meine Leistung steigert sich und steigert sich und steigert sich. Mein Bauch ist flacher und staerker als gestern. Meine Knie sind stark und 
flexibel. Mein Koerper fuehlt sich super. Ich brauche keine Suessigkeiten mehr. Ich fuehle mich wohl..." 
So geht das die ganze Zeit. Ununterbrochen. Psycho-Training. Stand auch in einer der vielen Broschuren, die sie mir bei der Anmeldung in die Hand gedrueckt hatten. 
Es geht mir auf den Geist! Mal sehen, was man dagegen tun kann... 

Ich beginne zu keuchen und zu schnaufen. Dann wuerge ich kurzatmig kurze Woerter hervor: 
"Aarrg... Oh, Gott... Uaaarg... Shit!... Uff!... Oh, Gott..." 

Meine Nachbarin kommt aus dem Takt und schaut irritiert zu mir herueber. 
"Wissen Sie, an was ich immer denken muss, wenn ich hier bin?" frage ich. Sie schuettelt stumm den Kopf. 
"Schokolade", sage ich sehnsuechtig, "Tonnen von Schokolade. Kartoffelchips, ganze Saecke voll. Oder Icecream, am besten Marshmallow Fudge von Baskin Robins mit der leckeren Peanut- Roasted-Almond-Sauce...." 
Die Quallen-Frau schluckt hart und guckt wieder auf ihr Display. Ihre 'burning rate' ist bereit um 15 Kalorien pro Stunde gefallen. 
Ich seufze so laut, dass sie zusammenzuckt. 
"Ist das nicht eine unglaubliche Schinderei hier?" aechze ich. "Da sitzt man nun stundenlang und rackert sich ab, und nimmt trotzdem nicht ab... Da sehen Sie mal: ich bin auf 174 und fuehle mich graesslich! Richtig uebel kann es einem werden, wenn man sich so ueberanstrengt..." 
Die Quallenfrau wirft einen verzweifelten Blick auf meine wie rasend wirbelnden Beine und wird selber immer langsamer. 
"Schaetze, ich werde mich noch ein wenig steigern muessen", seufze ich resigniert. "So hat das ja alles keinen Sinn..." 
Kurze Zeit spaeter wirft sie heulend das Handtuch und wabbelt schniefend zum Ausgang. 

Erfrischt gucke ich mir das 'Strength Center' an: lauter vollcomputerisierte Kraftmaschinen fuer jeden nur denkbaren Muskel der menschlichen Anatomie (von einigen Muskeln wusste ich nicht mal, dass sie existieren!). 
Ich fummele ein wenig am Control-Panel der 'Pull Down' Maschine herum und erhoehe den 'Negative Resistance Factor' auf 1000 %. 
Dann suche ich die Trainerin vom Dienst, ein zierliches Persoenchen mit Muskelknoten an jeder freien Ecke, und bitte sie, mir die 'Pull Down' Maschine zu erklaeren. 
"Ganz einfach", sagt sie professionell und besteigt das riesige Folterinstrument. "Sie setzen sich hier hin, waehlen das aufgelegte Gewicht mit dieser Tastatur und ziehen dann diese beiden Griffe immer bis auf Schulterhoehe herunter. Schoen langsam. Diese Maschine produziert wie alle anderen auch ein hoeheres Gewicht auf dem Weg nach oben als nach unten... Aaaaarrrrrg!!!" 
Die 1000% Negativgewicht reissen die Trainerin wie nichts in die Hoehe; dort strampelt sie verzweifelt mit den Beinen und schreit um Hilfe. 
Ich simuliere Panik und reisse den Netzstecker der Maschine aus der Wand. Die Maschine laesst los, und die Trainerin knallt aus 3 Meter Hoehe hart auf den Fussboden. 
"Ich glaube, ich gehe doch lieber in die Aerobic-Klasse", sage ich und verziehe mich diskret. 

Im Aerobic-Studio ist ein muskelbepackter ebenholzschwarzer Sadist mit weissen Tennisschuhen dabei, eine Gruppe von schwitzenden weissen Frauen in papageienhaften Gewaendern bis aufs Blut zu maltraetieren. 
"Yeaah! Feel the burn! Do yah feelit? Are you burning yet? Yeeesss! That's what you want, huh? Your body is never on vacation..." 
Man kann sehen, dass es ihm Spass macht, alle die verweichlichten Weissbrote der gehobenen Mittelklasse auszuwringen. Und gleichzeitig kann er auch noch seine Lieblingsplatten hoeren. Kein schlechter Job! 
Als ich dazukomme, zaehlt er gerade fuer Liegestuetze den Countdown im Takt der Musik: 
"... elf... zehn... neun... acht... sieben... sechs... fuenf..." 
Er sieht mich in der Tuer stehen und grinst gluecklich von einem Ohr zum anderen. Die feminimen Weissbrote schnaufen und stoehnen. Ich lasse meinen kritischen Blick ueber die schweissnassen, aechzenden Leiber schweifen, schuettele langsam den Kopf und deute mit dem Daumen nach unten.. 
Der Aerobic-Sadist grinst noch breiter: 
"... vier... drei... zwei...... neun... acht... sieben..." 
Erstickte Protestrufe aus der Gruppe; einige geben auf und bleiben in einer Pfuetze aus Schweiss liegen. Der Aerobic-Sadist springt zu der Frau, die am lautesten protestiert hat, und schreit im Kasernenton: 
"Fuenf extra! Los! Fuenf... vier... drei..." 

Vielleicht sollte ich mich als Trainer bewerben... 

 
 
 
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